Cellistin haucht Passagen Seele ein

Im Neuberinhaus wurde am Mittwoch ein seltenes Stück gespielt

Reichenbach.

Ist das der Vergessenheit entrissene Stück ein Meisterwerk oder rangiert es mehr oder weniger deutlich darunter? Das war schwer zu sagen beim jüngsten Sinfoniekonzert der Vogtland Philharmonie am Mittwoch im Reichenbacher Neuberinhaus. Dort stand das über 100 Jahre nicht mehr erklungene 3. Cellokonzert von Julius Klengel auf dem Programm, des zu Lebzeiten prominenten Leipziger Komponisten und Instrumentalisten.

Schuld an den Schwierigkeiten, zu einer klaren Meinung darüber zu kommen, war hauptsächlich die Solistin Raphaela Gromes. Die 28-jährige Münchnerin bewältigte nicht allein die enormen spieltechnischen Schwierigkeiten ihres Parts tadellos, die häufigen Ausflüge in Violinlagen eingeschlossen, die eine Ohrenweide waren; bei Gromes gab es auch keinen Unterschied zwischen den virtuosen und gesanglichen Passagen. Eines wie das andere nahm sich leicht, flüssig, rund aus, hatte Gewicht und vor allem Seele, was vielleicht Klengels Komposition zugute kam. Das Orchester und Dorian Keilhack, der ab der nächsten Spielzeit im Vogtland Chefdirigent sein wird, legten sich ihrerseits mächtig ins Zeug, dem ein wenig dick instrumentierten, namentlich dem Blech manches Ungewohnte aufladenden Konzert zum Erfolg zu verhelfen. Dabei war eine tief berührende Harmonie mit der Solistin zu beobachten.

Das "Restprogramm" des Abends - Max Regers späte Ballettsuite op. 130 und Felix Mendelssohn Bartholdys mit 24 Jahren vollendete dritte Sinfonie, die "Italienische" - bot reichlich Gelegenheit, die Qualitäten Keilhacks in Augenschein zu nehmen. Der vielseitige, in Erlangen lebende Musiker, der öfter schon als Gastdirigent zu erleben war, ist kein himmelhoch über allem stehender Maestro, der Anspruch darauf erhebt, die letzten Rätsel der Tonkunst zu lösen. Dafür hält er sich treu wie nicht so schnell ein Zweiter an die zu bewältigenden Noten. Da geht keine dynamische oder rhythmische Feinheit verloren. Hinter den Pulten nimmt man das nur zu gern auf und so waren am Mittwoch Reger und Mendelssohn in markanten "Lesarten" zu bewundern. Der Oberpfälzer, der in seiner Suite das Schwerblütige abstreifen wollte, blieb in wesentlichen Punkten er selbst. Das war keine durchweg leichte Kost, das rumorte öfter gewaltig. Der andere, der Hamburger Bankierssohn, war der Mann mit der glücklichen Hand, der Italien, Jugend, Trauer, überschäumende Tanzlust und anderes scheinbar mühelos in eine Musik bringt, die keinen Takt kennt, der nicht voller Schönheit und Stil ist.

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