Das Gedächtnis von Reichenbach

Im Pfarrhaus der Kirchgemeinde gehen Nachfragen aus aller Welt ein. Ahnenforscherin Elisabeth Graf findet die Antworten in den bis 1568 reichenden Kirchenbüchern - in denen auch steht, wie gelebt und gestorben wurde.

Reichenbach.

Die Anfragen kommen per Post und immer häufiger via Mail. Aus Deutschland genau so wie aus Mexiko oder Kanada. "Vor allem das Interesse der Nachfahren ausgewanderter Reichenbacher an ihrer Familiengeschichte ist groß. Ich habe gut zu tun", sagt Elisabeth Graf und blättert im Pfarrhaus der Kirchgemeinde in einem der Kompendien, von deren aufschlussreichen Innenleben kaum einer weiß. Die 77-Jährige kennt sich in den bis 1568 zurückreichenden, über Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung Auskunft gebenden Kirchenbüchern aus wie kein anderer: "Und so lange ich gesund bin und gebraucht werde, mache ich weiter."

Gebraucht wird Elisabeth Graf noch einige Zeit. Wie Pfarrer Andreas Alders informiert, investiert die Landeskirche zwar seit geraumer Zeit in ein auch die Ahnenforschung beschleunigendes Digitalisierungsprojekt. Doch bis alle Eintragungen auch der Reichenbacher Kirchenbücher entziffert und an zentraler Stelle erschlossen sind, dürften wohl noch Jahre vergehen. So lange ist es die im Lesen der altdeutschen Schrift bewanderte Lengenfelderin, die im Reichenbacher Gedächtnis blättert und mit solchen Begriffen wie "Bechtelsgriehn" etwas anfangen kann. "Das heißt Pechtelsgrün. Die Leute haben eben früher so geschrieben wie sie gesprochen haben", erzählt Elisabeth Graf.

Die Methode ihrer Ahnenforschung in den in mehreren feuerabweisenden Schränken stehenden Büchern ist stets dieselbe: Auf Grundlage der von den Nachfragenden übermittelten Namen und Daten sucht sie sich die in Frage kommenden Bücher und darin die Namen in den Registern. So kommt sie zu den Einträgen etwa zu Geburt oder Heirat und zeichnet dann anhand der daran geknüpften Ereignisse die Lebensbäume der Gesuchten. So hat sie - über Namen wird sonst nicht geredet - erfolgreich zu Tierpark-TV-Professor Heinrich Dathe oder dem Musiker Alban Förster geforscht. Jüngst ließ Elisabeth Graf auch in Sachen Neuberin aufhorchen - in Geburts- und Sterberegistern hatte sie eine ältere, früh gestorbene Schwester der Theaterreformatorin entdeckt.

Bis 1871 sind die Kirchenbücher nahezu die einzigen Quellen, die überraschend großzügig zu Leben und Sterben in der Stadt Auskunft geben. Mit der Reichsgründung wurden die zentralen biografischen Daten auch in den Standesämtern erfasst. Was davorlag, im Reichenbacher Fall bis 1568, spiegelt eins zu eins den städtischen Alltag. Mit Namen, die heute noch in der Stadt Klang haben. Oder mit solchen, die wie Apfelstädt oder Salzberger fast verschwunden sind. "Anhand der Bücher könnte man auch Statistiken aufstellen, beispielsweise eine darüber, wer warum gestorben ist", sagt Elisabeth Graf und blickt ins Reichenbach des Jahres 1910.

Krankheiten, die in den Tod führten und damit Auskunft zu den Lebensumständen geben, waren damals etwa Keuchhusten, Schwindsucht, Schrumpfniere, Brechdurchfall und Zahnkrämpfe - daran starben vor allem Kleinkinder. Auch Darmkrebs wurde bereits diagnostiziert. Aussagekräftig auch die Geburts-Statistik. 1908 gab es 947 Taufen, was gleichbedeutend mit Geburten ist. Dahinter verbergen sich 487 Söhne und 460 Töchter, darunter waren 33 Kinder aus gemischten Ehen (also mit Eltern beiderlei Glaubens), 97 uneheliche Kinder und 32 totgeborene Kinder. Zum Vergleich: Im laufenden Jahr weist die Gemeindestatistik fünf Taufen aus. Heute gibt es auch keine Berufe mehr wie Kragennäherin oder Fabrikweber.

"Anhand der Anzahl der Bahnarbeiter könnte ich genau sagen, wann hier der Gleisbau geboomt hat", sagt Elfriede Graf, die vor vielen Jahren über eine ABM ins Pfarramt gekommen und dort bald als Ahnenforscherin unersetzbar geworden war. Woher sie das Lesen der alten, manchmal hieroglyphisch anmutenden Schrift hat? "Das habe ich mir selbst beigebracht." Und zwar bei der Abschrift eines von ihrer Großmutter Johanne in altdeutscher Schrift selbstverfassten Kochbuchs. Danach kocht aktuell bereits die fünfte Generation.

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