Der Mann mit dem Spleen, oder: Auf der Jagd nach Donald Trump

Falk Naumann aus Netzschkau hat mehr als 5000 Autogramme gesammelt. Von Prominenten weltweit bis zum Drehorgelspieler vor der Semperoper - mit seiner Liebe zu Dresden fing alles an.

Netzschkau.

Das Vergangene in der Gegenwart aufspüren, diese Leidenschaft wurzelt bei Falk Naumann in einer kindlichen Fantasie. Damals erzählte ihm der Vater, in Dresden gebe es ein Bild, da schauen aus den Wolken Kinderköpfe. Diese Vorstellung und der Anblick des in Trümmern liegenden Elbflorenz bei einem Schulbesuch wenig später waren Erweckungserlebnisse, an die der heute 76-jährige Heimatforscher aus Netzschkau immer wieder zurückdenkt. "Diese Bilder sind stets im Kopf. Seit dieser Zeit wollte ich wissen, wie die Dinge wirklich aussehen oder wie sie ausgesehen haben." Zählbares Ergebnis seiner jahrzehntelangen Forschungs- und Sammelleidenschaft: mehr als 400 Dresden-Bücher, 200 Alben voller Heimatgeschichte und Autogramme ohne Ende - gesammelt seit 1987.

"Ich hätte eher anfangen sollen", sagt Falk Naumann beim Durchblättern der Autogramm-Bände. Doch besser später als nie. So hat er mehr als 5000 Schriftzüge von bedeutenden Leuten aus allen Lebensbereichen ergattert - von A wie Astronaut bis W wie Weltmeister. Füllte die Alben zunächst die DDR-Nomenklatura, war der Autogramm-Hunger des Nema-Mitarbeiters bald grenzenlos. Sänger, Schauspieler, der Bonner Politikbetrieb, alle schickten ihren Wilhelm zum Falk. "Viele der Antwortbriefe aus dem Westen wurden geöffnet, das hatte ich schnell erkannt." Aber auch DDR-Autogramm-Post. Einmal klingelte es sogar an der Haustür. Was er von Wilhelmine Schirmer-Pröscher wolle, fragte ein einsilbiger Herr. Mit der Antwort schien er nicht zufrieden. Das Autogramm der Volkskammer-Alterspräsidentin gab's ein Jahr später. Da war die Dame 100 Jahre alt. "Ich schrieb sie wieder an, damit sie mir nicht noch wegstirbt." Die Karte von Jürgen Möllemann kam zwei Wochen vor dessen Selbstmord, die von Johannes Heesters und Leni Riefenstahl nach deren 100. Geburtstagen. Was makaber klingt, ist für den Sammler Teil kurioser Storys und von Geschichte.


Beispiel Konrad Kujau. Der Meisterfälscher hat für Falk Naumann die Autogramme von August dem Starken und Porzellan-König Böttger imitiert. "Die Abbildungen beider hat er auf Papier gebracht, das historischem gleicht. Die Unterschriften verraten den Meister, von ihm selbst habe ich natürlich auch eins." Oder Kurt Masur. Der Maestro wurde 1989 angeschrieben, wie üblich mit frankiertem Antwortumschlag, auf dem die Marke "40 Jahre DDR" pappte. Der Brief kam anstandslos zurück - 1991. Für Charakter steht der Name von Alfred Neugebauer. Der Dresdner Feuerwehrmann hatte im Novemberpogrom den Davidstern der ausgebrannten Synagoge gerettet und nach dem Krieg an die jüdische Gemeinde übergeben. "Toller Kerl. Er transportierte den Stern in einer Holzkiste auf dem Rad und versteckte ihn." Heute steht der Stern über dem Portal der neuen Synagoge.

Vor Falk Naumanns Wissenshunger und Autogramm-Appetit ist niemand sicher. Weder Königs- und Fürstenhäuser, noch prominente Winzer und Gastronomen (gleich mit signierter Speisenkarte). "Bin ich irgendwo zu Gast, gehe ich auf die Leute zu, stets mit Erfolg." Mit nicht wenigen Autogrammgebern verband oder verbindet den Autogrammjäger eine oft jahrzehntelange freundschaftliche Verbindung. Vielleicht ist es die Hartnäckigkeit des Jägers, die bei der Prominenz ankommt. Vielleicht liegt das auch am Charakter der Promis. "Ich habe mich ein bisschen auf die konzentriert, die polarisieren", sagt Falk Naumann und zeigt die oft mit Widmungen oder Zeichnungen versehenen Autogramme etwa von Jörg Haider, Regine Hildebrandt, Kurt Waldheim, Rolf Bossi, Manfred Krug, Günther Simon, Eva Maria-Hagen, Mel Gibson (der Brief ging in die USA, Gibson antwortete aus Australien), Georg Baselitz, Manfred von Ardenne, Herbert von Karajan, Maradona, Gunter Sachs, George Bush, Stéphanie von Monaco, Dagobert, Dalai Lama, Fidel Castro und, und und. Und von Weitspringer Mike Powell, der seinem Autogramm jene 8,95 Meter aus dem irren Duell 1991 mit Carl Lewis hinzugefügt hat. Auch für die Ewigkeit die 104,80 Meter, die Speerwerfer Uwe Hohn auf seiner Autogrammkarte notierte.

Mit Siebenkämpferin Jackie Joyner-Kersee hat auch eine der schnellsten Frauen geantwortet. Wenn auch nicht am schnellsten. In dieser Kategorie liegen Karl-Eduard von Schnitzler und Alexander Schalck-Golodkowski (drei Tage) unangefochten vorn. Bummelletzter (fünf Jahre) ist der in Rodewisch geborene Maler Werner Juza. Dessen Kommentar: "Ich habe jetzt mal aufgeräumt, da habe ich Ihre Post gefunden." Auch Juzas Autogramm trägt zu einer beachtlichen Rücklauf-Quote von 80 Prozent bei - bei relativ überschaubaren Kosten. Briefe, Marken, Fahrten oder das ein oder andere Essen, viel mehr nicht. Nur Luigi Colani hat extra kassiert. Der extrovertierte Designer saß in Dresden an einem Tisch, rauchte lässig eine Zigarre und strich pro Autogrammjäger 20 Mark ein.

Solche und tausend andere Autogramm-Geschichten, das darf doch nicht verlorengehen, oder? "Meine alten Nema-Kollegen drängen mich immer wieder, eine Ausstellung zu machen, das ist ein riesiger Aufwand. Aber eine Überlegung ist das schon wert", erzählt Falk Naumann und sagt mit Hinweis auf die Autogramme von Hillary und Bill Clinton: "Obama habe ich fünfmal versucht, nichts. Trump habe ich viermal angeschrieben, nichts. Aber bei dem bleibe ich dran, auch wenn ich ihn nicht leiden kann." Für so einen kapitalen Hirsch würde der Jäger zu Fuß von Netzschkau bis Dresden gehen. Dorthin, wo es die Wolkenkinder gibt - im Bild "Sixtinische Madonna" von Raffael. Dorthin, wo einst der Drehorgelmann vor der Semperoper sein Autogramm mit folgender Widmung versehen hat: "Für den Mann mit dem Spleen."

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