Der Mann mit den Stehpulten geht in den Ruhestand

Für Schulleiter Günter Franke haben die letzten Tage seines Berufslebens begonnen. Noch sind die Regale und Schränke voll. Die Schreibtischplatte quillt über und das eine oder andere Geschenk vom Schuljahresabschlusstag wartet darauf, mit nach Hause genommen zu werden.

Neumark.

Die Neumarker Oberschule ohne Günter Franke - geht das überhaupt? Es wird gehen müssen. Ab kommendem Schuljahr ist der fast schon legendäre Chef im Ruhestand. "Für mich ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt", sagt der Mathe- und Physiklehrer, 64 Jahre alt, seit 1977 im Schuldienst, zuerst in Hauptmannsgrün, dann kurz in Limbach und ab 1982 durchgängig in Neumark, wo er auch wohnt.

Die Chancen, die mit Wende und damit verbundenen Veränderungen im Schulsystem einhergingen, packte er beim Schopfe. "Wir waren eine Gruppe von Lehrern, die etwas verändern wollten. Die DDR sollte nicht mehr aus allen Poren triefen. Ansonsten war es relativ ruhig an der Schule", erinnert er sich an diese Zeit. Ab dem Schuljahr 1992/93 stand Günter Franke an der Spitze des Lehrerkollegiums. Seitdem wurde viel geschafft an der Neumarker Oberschule.


"Es war eine interessante Zeit und ich bin froh, dass ich mitgestalten und selbst entscheiden konnte. Wir haben allen Gestaltungsspielraum genutzt und waren mehrfach Vorreiter. Unsere Schule steht heute gut da, auch in der öffentlichen Wahrnehmung", meint Günter Franke. So gab es an der Neumarker Schule schon Computer und Informatikunterricht, als im Ministerium noch über die Einführung diskutiert wurde. Neumark hatte ein komplett eingerichtetes Laptop-Zimmer, bevor sachsenweit nach Informatik-Lehrplänen unterrichtet wurde - weil das die Neumarker Pädagogen für sinnvoll hielten und ein Lehrer das Know-how von der gerade geschlossenen Station Junger Techniker und Naturforscher mitbrachte. Die 2008 aufgestellten Stehpulte für besseres und gesünderes Lernen sorgten deutschlandweit für Schlagzeilen. Noch heute spricht man in Neumark vom Hoffest im Römer-Gut, bei dem ein historisches Lehrer-Schüler-Stück über unter Einbeziehung des Balkons vom Herrenhaus aufgeführt wurde.

Die Generalsanierung inklusive Schulanbau wurde während Frankes Zeit als Schulleiter gestemmt. Die Sanierung der Schulturnhalle hingegen nicht. Die beginnt jetzt gerade. Auch kritische Zeiten wurden gemeistert. Als es mit den Schülerzahlen extrem abwärts ging und einmal keine fünfte Klasse gebildet werden konnte, wurde eine Initiative im Ort gestartet, auf Gewerbetreibende zugegangen und die Zusammenarbeit mit der Grundschule und umliegenden Orten forciert. Dadurch konnten die Schülerzahlen annähernd verdoppelt werden. Heute lernen 410 Schuler aus dem Einzugsbereich von 16 Grundschulen an der Oberschule.

"Ich bin zufrieden mit dem, was wir geschaffen haben. Die Erfolge hängen auch mit stabilen Verhältnissen zusammen", sagte er und erinnert an die Suche nach einem Bildungsmodell für Sachsen: "Biedenkopf war pragmatisch. Da wurde das Modell von Baden-Württemberg modifiziert. Es besteht in der teilintegrierten Schule mit Haupt- und Realschule unter einem Dach und hat sich bewährt."

Lediglich die Trennung ab der fünften Klasse sei vielleicht nicht so ideal. Hier könnte der scheidende Schulleiter auch mit der DDR-Lösung nach der achten Klasse gut leben. "Es ist alles so weit gerichtet. Was ich übergebe, ist jedoch keine Einzelleistung. Ich habe nur die Richtung vorgegeben, für alles andere braucht es ein gutes Kollegium, das für Neues offen ist."

Dass ihm als Ruheständler langweilig werden könnte, glaubt er nicht. Er hat einen großen Garten, Wald zum Feuerholz machen, einen Hund, der spazieren gehen will. Vielleicht wird die aufgegebene Imkerei wieder belebt. Skifahren im Winter ist auch ein Wunsch. Außerdem sind da die drei erwachsenen Kinder, die den Vater auch ab und an brauchen. Einer ist gerade in Berlin umgezogen, da war die Hilfe willkommen. Den Neumarker Schülern wünscht er, dass sie sich weiterhin wohlfühlen beim Lernen in entspannter Atmosphäre, ohne Druck.

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