Der schwere Anfang vor 75 Jahren

Die Lebenserinnerungen des Reichenbachers Günther malen ein Bild der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus wenig wurde viel gemacht.

Reichenbach.

Bereits einen Tag nach seiner glücklichen Heimkehr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegsende musste sich Günther in der Reichenbacher Stadtverwaltung zur Arbeitsaufnahme melden. Auf seinem Transportschein stand der Vermerk: "Einsatz in der Landwirtschaft." Im Beisein eines sowjetischen Offiziers verfügte der Mitarbeiter in der Stadtverwaltung eine solche Tätigkeit.

Das war ein Glücksumstand für Günther, der ohne Entlassungsschein eigentlich in ein Kriegsgefangenenlager gemusst hätte. Zufällig traf er im Rathaus den Schönbacher Schmiedemeister, den er bestens kannte. Beim Schmied des Ortes hatte Günther schon früher Mal ausgeholfen und gehörte schon fast mit zur Familie. Da dessen Sohn noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt war, konnte Günther sofort mit arbeiten beginnen.

Mit dem Fahrrad ging es nach Schönbach. Günthers Vater war früher ein begeisterter Fahrradrennfahrer und kannte sich gut mit diesen Gefährten aus. So wurde das alte Fahrrad "aufgemöbelt", indem mangels Schläuchen und Reifen ein ausgedienter Kompressorschlauch Verwendung fand. Am Ortsausgang von Reichenbach in Richtung Zwickau hatte die Besatzungsmacht eine Kontrollstelle eingerichtet, die nur mit einem "Propusk" (Genehmigung) passiert werden durfte, die Günther natürlich besaß.

Durch seine Kriegsverletzung an der Hand war Günther zwar beim Beschlagen der Pferdehufe eingeschränkt, doch alle Vor- und Abschlussarbeiten führte er aus. 1948 kam im Rahmen der vorgeschriebenen Hufbeschlagsprüfung für Günther das Angebot, die Meisterschule in Plauen zu besuchen. Jeden Samstag ging es nun mit der Eisenbahn nach Plauen, wobei an der zum Kriegsende noch gesprengten Elstertalbrücke ausgestiegen werden und zu Fuß sich auf die andere Seite begeben werden musste. Beim Wiederaufbau der Brücke war Günther an Wochenenden eingesetzt, wie zum Beispiel beim Entladen von Zementsäcken. Der theoretische Unterricht war in der Gewerbeschule und die praktische Ausbildung fand beim Obermeister in der Hofer Straße in Plauen statt. Bei der Meisterprüfung wurden Probeeisen verlangt. Als besondere Schwierigkeit ergab sich die Anfertigung eines so genannten "Bockeisens" für ein mit einer Hufbehinderung geborenen Pferdes. Eines der Hufeisen aus jener Zeit hat Günther aufgehoben, und es nun seinem im Jahr 2000 geborenen Urenkel Hermann in Berlin geschenkt. Hufeisen gelten ja bekanntlich als Glücksbringer. 1949 erhielt dann Günther seinen Meisterbrief. Die Schönbacher Schmiede arbeitete gelegentlich auch für die Fichtel & Sachs - Werke in Reichenbach und ihrer Betriebsteile in der Umgebung, die damals als sowjetische Aktiengesellschaft geführt worden.

Auf Grund der Kontakte zur Renak (früher Fichtel & Sachs Reichenbach und SAG-Betrieb Awtowelo) konnte Günther eine neue Arbeitsstelle finden. An einem Freitag des Jahres 1953 sollte er sich beim Pförtner in der Reichenbacher Dammsteinstraße melden und sollte zur Arbeitsaufnahme abgeholt werden. Dann ging es mit dem Auto - ohne dass Günther es vorher wusste - zur Schmiedeabteilung des Betriebes nach Unterheinsdorf. Damals zu Arbeitsbeginn wurde bereits in drei Schichten gearbeitet, und zur Arbeit fuhr man von Reichenbach aus mit der Schmalspurbahn "Rollbock".

Dort verbrachte Günther sein gesamtes Berufsleben mit allen Höhen und Tiefen bis zu seinem verdienten Ruhestand.

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