"Die Demokratie ist eben bunt"

Der scheidende Politiker Dieter Käppel über den Umgang mit der AfD, Hochmut im Kreistag und das Ehrenamt

Dieter Käppel war in der DDR Bausoldat und 1989 einer der ersten Demonstranten in Reichenbach. Er war Reichenbachs Oberbürgermeister und ist seit seinem Rathaus-Ausstieg Tourismusunternehmer. Ulrich Riedel sprach mit dem 66-Jährigen über den Abschied aus der Politik.

Freie Presse: Sie haben seit Gründung des Vogtlandkreises im Januar 1996 ununterbrochen dem Kreistag angehört und hören jetzt auf. Endgültig?


Dieter Käppel: Voll und ganz. Jetzt gehe ich nur noch wählen.

Können Sie in wenigen Worten eine Kreistagsbilanz ziehen?

Seit 1994 durfte ich als Kreisrat miterleben, wie Landrat Tassilo Lenk zunächst durch eine Koalition der Vernunft regierte, bis die Spitzen von CDU und SPD diese plötzlich durch einen Kooperationsvertrag ersetzt haben, um allein vieles durchdrücken zu können. Welcher Hochmut für eine Bürgervertretung.

Wie hat sich dieser Block auf die Kommunalpolitik ausgewirkt?

Nun ja, es war als Folge dann eben schon ein wenig bedrückend, wenn eine kleine Partei wie meine FDP fraktionsintern über dem Haushalt brütete, obwohl feststand, dass die beiden Großen bereits fast alles vorbeschlossen hatten. Sie haben sich aber letztlich selbst geschadet.

Meinen Sie die Stimmenverluste für CDU und SPD zur Wahl?

Beide haben zusammen keine Mehrheit mehr. Das Gute ist: Im neuen Kreistag können auch kleine Parteien Vorschläge erarbeiten und die Debatten konstruktiv begleiten. Der Landrat wird wohl mit wechselnden Mehrheiten leben müssen.

Ohne bisher im Vogtland Bäume auszureißen, hat es die AfD geschafft, die ablehnende Stimmung für sich umzumünzen. Sie zieht mit 17 Abgeordneten in den Kreistag ein. Logische Folge?

Es gibt jetzt im Vogtland eine neue Kraft rechts von den Parteien der Mitte. Das ist doch völlig normal, wenn die anderen Parteien so eine Lücke zulassen. Die Grünen saßen einst strickend im Bundestag. Und heute? Die AfD strickt zwar nicht, jagt dafür den einen oder anderen unüberlegten und leider manchmal auch menschlich sehr fragwürdigen Satz durch die Medien. Das muss natürlich angeprangert werden.

Sie setzen auf einen Selbstreinigungsprozess der AfD. Ist nicht die Gefahr größer, dass sich dort extreme Kräfte durchsetzen?

Auch die SED hat sich über die PDS hin zu den Linken zu einer bereits auf Länderebene staatstragenden Partei entwickelt. Diesen Prozess müssen wir auch der AfD zubilligen. Die Demokratie ist eben bunt. Das wollten wir so, und dazu stehe ich.

Die Reichenbacher haben Sie 1994 als SPD-Oberbürgermeister gewählt, später kam der Wechsel in die FDP. Wo fühlen Sie sich politisch zu Hause?

In den 90ern war ich einer der ersten SPD-OB in Sachsen. Mein Austritt war Quatsch, weil es nach meinem heutigen Erkenntnisstand eigentlich zweitrangig ist, in welcher menschenfreundlichen, demokratischen Partei man sich für das Wohl des Volkes engagiert. In der FDP fühle ich mich auch mit meinen sozialen und grünen Anstrichen wohl - unter Kaufleuten und Gestaltern, die es oft nicht leicht haben und hart kämpfen müssen. Ich könnte aber auch in der CDU glücklich sein.

Und bei den Linken?

Aufgrund meiner DDR-Geschichte als Bausoldat würde ich nicht so recht dazu passen. Doch die Linke hat sich zu einer demokratischen Partei entwickelt und leistet auch im Kreistag gute Arbeit.

Sie haben die Verwaltungssicht kennengelernt und arbeiten seit langem erfolgreich in der Fremdenverkehrs-Branche. Ist der Tourismus im Vogtland auf einem guten Weg?

Dem Vogtland gelingt es nicht, Sehenswürdigkeiten wie die größte Ziegelsteinbrücke der Welt zu einem Hingucker zu entwickeln oder ein einigermaßen durchgängiges Radwegenetz zu errichten. Und das, obwohl der Freistaat Sachsen bis zu 90 Prozent der Kosten tragen würde. Es ist auch kein Licht am Horizont sichtbar. Stichwort: Verbindung von Göltzschtal- und Elstertalradweg. Ein Zweckverband mit Reichenbach und Netzschkau plus Elsterberg, Vogtlandkreis und vielleicht Greiz ist überfällig. Mit vereinter Kraft und gut gefördert könnte der planen und gestalten. Nur Mut zum Zusammenschluss!

Welche Rolle spielt dabei der Tourismusverband Vogtland?

Der TVV vernachlässigt das nördliche Vogtland. Das macht er schon sehr lange und hartnäckig.

Sie waren Berufspolitiker und dann viele Jahre im Ehrenamt tätig. Wer soll die Lücke füllen?

Wir leben vom Engagement tausender Vogtländer, die sich in Vereinen, Verbänden, nachbarschaftlich oder familiär für andere einsetzen. Das ist hervorragend. Es ist aber schade, dass die Parteien durchweg unter Mitgliedermangel leiden. Sie sind breit aufgestellt und sprechen viele Interessen an. Zugegeben, die Mitgliedsbeiträge sind nicht niedrig. Viele fragen: Für was? Diese Frage wird beantwortet, wenn die Demokratie zu bröckeln beginnt. Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Wer die rund zehn Euro pro Monat hat, sollte sich einbringen, mitwählen, Anträge diskutieren, abstimmen oder sich selbst zur Wahl stellen, um als Delegierter Stimm- und Rederecht auf den Parteitagen zu haben. Oder als Kreis-, Gemeinde- oder Stadtrat mitzugestalten.

Das hört sich an wie ein politisches Vermächtnis.

Ja. Es lebe die Demokratie.

Herr Käppel, was ist Ihnen persönlich besonders wichtig?

Drei Kinder mit einer tollen Ehepartnerin, neun Enkel - alle gesund, gebildet und mit gesichertem Familieneinkommen. Dafür danke ich Gott jeden Tag.

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