Drei musikalische Welten werden lebendig

Die Vogtland Philharmonie und Gastdirigent Dorian Keilhack interpretieren im 8. Sinfoniekonzert Werke von Joseph Haydn, Aaron Copland und Dmitri Schostakowitsch.

Reichenbach.

Geht es ohne einen Dirigenten nicht besser? Es gibt Abende, die diese Frage schon nach wenigen Takten aufwerfen. Das jüngste Sinfoniekonzert der Vogtland Philharmonie am Mittwoch im Reichenbacher Neuberinhaus dürfte mit Sicherheit nicht dazugehören. Der kurzfristig für den erkrankten Chefdirigenten David Marlow eingesprungene Dorian Keilhack schaffte es, im Verein mit dem bravourös aufspielenden Orchester drei denkbar unterschiedliche musikalische Welten einprägsam zum Klingen zu bringen. Dabei verband der 51-jährige Erlanger Dinge, die an sich wie Feuer und Wasser sind. Er hielt die Zügel fest in der Hand und war trotzdem einer unter Gleichen, verkörperte höchste Konzentration und Präzision so gut wie naturbelassene jungenhafte Freude, Stolz auf das Geleistete und zugleich entwaffnende Bescheidenheit.

So bekamen die Besucher am Mittwoch zu Beginn mit Joseph Haydns Sinfonie Nr. 49 "La passione" eine Probe bester Wiener Hofmusik zu hören: satt und souverän im Sound, mit kernigen Rhythmen, Freude machendem Schliff und nicht mehr Tiefgang, als seinerzeit der Obrigkeit zuzumuten war. Es folgte Aaron Coplands Konzert für Klarinette plus Streichorchester, Harfe und Klavier. Da war ein spannungsreiches Hin und Her zwischen Jazz und Klassik, aber auch zwischen glücklicher kompositorischer Hand und Gesuchtem, Extravagantem zu erleben. Alexander Bader, Mitglied der Berliner Philharmoniker, gab als Solist dem einst Benny Goodmann zugeeigneten Werk dank seines weichen, geschmeidigen Tons, eines wunderbar kontrollierten Spiels und der hundertprozentig exakten Wiedergabe schwierigster Stellen ein eigenes Gesicht.


Nach der Pause, in Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie, enthielt sich Keilhack offenbar in einigen Punkten klugerweise der Stimme. Wie ernst das hier zur Schau gestellte Pathos, die wiederholt beschworene Zuversicht und Lebensfreude in dem 1937 entstandenen Stück tatsächlich gemeint sind, blieb weitgehend offen. Der Mann am Pult, vielleicht weil ihm eigene Erfahrungen mit der Macht einer stalinistischen Partei erspart blieben, trat da dezent zur Seite, rückte dafür hingebungsvoll Reichtum und Schönheit der Partitur in den Vordergrund. Und die Vogtland Philharmonie zog prächtig mit. Man ließ in majestätisch strömenden Kantilenen die Weite Russland spürbar werden oder erinnerte in kapriziösen Soli an die junge, experimentierfreudige Kunst, die in den ersten Jahren der Sowjetunion eine leider nur kurze Blüte erlebte. Nach dem grandiosen, vor Kraft und Doppeldeutigkeit strotzenden Finale kannte der Beifall im Neuberinhaus wieder einmal keine Grenzen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...