Ein Leben für die Neuberin

Marion Schulz, Leiterin des Neuberin-Museums, geht in Ruhestand. 34 Jahre hat sie die Gedenkstätte geleitet - und der Kunstszene Impulse gegeben.

Reichenbach.

Nächsten Dienstag, am 21. Mai, ist für Marion Schulz der letzte Arbeitstag. Dann ruft für die 61-Jährige Leiterin des Neuberin-Museums, die seit 1997 auch Sachgebietsleiterin Kultur der Stadtverwaltung war, der Ruhestand, sprich die Ruhephase der Altersteilzeit.

34 Jahre lang hat Friederike Caroline Neuber, die große deutsche Theaterreformatorin aus Reichenbach (1697-1760), ihr Berufsleben geprägt. "Ich hatte den schönsten Beruf der Welt", sagt sie. "Es gibt nur ein einziges Neuberin-Museum. Ich konnte vieles weiterentwickeln. Reichenbach ist dadurch international bekannt." Aktuell gibt es sogar einen Briefwechsel mit Japan.


"Ich denke, mein Leben musste so sein", sinniert Marion Schulz und zitiert die Neuberin: "Das Glücksrad ist ein Ding von unsichtbarer Größe - dem einen hilft es fort, dem andern gibt es Stöße."

Marion Schulz wuchs in Limbach auf. In der Schul-AG bei Alfred Leistner kam sie mit Heimatgeschichte und Mundart in Kontakt. Auch in der Gemeindebibliothek wirkte sie mit. Das Studium führte sie nach Leipzig. Als Lehrerin für Deutsch und Geschichte war sie kurz in Freiberg tätig, wo sie ihren Mann kennenlernte. Als ihr Sohn geboren wurde, zog die Familie nach Reichenbach.

Am 1. März 1985 wurde Marion Schulz Leiterin der Neuberin-Gedenkstätte, die seit 1981 im Haus Karl-Marx-Platz 4, heute Solbrigplatz 4, untergekommen war. Denn 1977 - just am Todestag der Neuberin - hatte nach der Havarie eines Kesselwagens auf dem Bahnhof durch die Kanalisation verteiltes Benzin zur einer verheerenden Verpuffung geführt, die auch das Geburtshaus der Neuberin verwüstete. Der vorherige Leiter, Wolfram Günther aus Zwickau, hatte Schulz aufmerksam gemacht, dass man jemanden suche. Der damalige Bürgermeister stellte sie ein. "Auf eine Hausmeisterstelle", wie sie erzählt. In der Tat musste sie früh Kohlen schleppen und die Öfen anfeuern. Wegen einer Eigentumsrückforderung des Hauses musste die Neuberin-Gedenkstätte 1992 in die Museumsstraße 2a umziehen. Am 9. März 1995 wurde schließlich das komplett sanierte Geburtshaus der Neuberin am Johannisplatz 3 eröffnet, mit Keller-Restaurant und Trausaal. Das wissenschaftliche Konzept für die Dauerausstellung erstellte Marion Schulz zusammen mit Theaterwissenschaftlerin Bärbel Rudin.

Neben den Ausstellungen zu Leben und Werk der Neuberin sowie zur Stadtgeschichte im Museum fanden im neuen Zentraldepot im Park der Generationen Exponate zur Textil-, Verlags- und Bahngeschichte Platz. In der Schriftenreihe des Museums bereitet Marion Schulz gerade Band Nummer 46 vor: Albin Buchholz "Vogtländische Geiger und Geigenmusiken". Das Museum zählte seit 1995 über 100.000 Besucher. 116 Sonderausstellungen boten Künstlern aus dem Vogtland und darüber hinaus ebenso ein Podium wie Schülern der Stadt. Der warmherzige Umgang mit den Künstlern bescherte dem Museum zahlreiche Schenkungen und Ankäufe. "Unsere Kunstsammlung zählt heute über 3500 Werke von mehr als 40 Künstlern, von Fredo Bley über Wolfgang Mattheuer bis zu Peter Zaumseil", sagt Schulz. Auch selbst ist Marion Schulz künstlerisch aktiv. Sie malt, zeichnet und bearbeitet Stein. Bei einer Sommerakademie mit Jutta und Jo Klose aus der Partnerstadt Nordhorn entstand 1999 auch die Skulptur mit dem Profil der Neuberin für den Museumsvorgarten.

Zu den Sternstunden der Museumschefin zählen die Entdeckung eines Wandtapetenfragments von Schloss Blankenburg, das die Neuberin im Alter von etwa 30 Jahren und blond zeigt. "Der Fund des Jahrhunderts", kommentierte Schulz 2015. Und durch Zufall entdeckte sie im Urlaub in einem Hotel in Franken das Gemälde "Mädchen mit Schleife im Haar", das die Neuberin zeigt. 2018 kam es nach Reichenbach.

Nun übernimmt ein neues Team. Neue Museums- und Kulturchefin ist Martina Bundszus. Ihr zur Seite steht Grit Otto, die Jacqueline Heidel nachfolgt, die in die Jürgen-Fuchs-Bibliothek wechselt. "Immer ein glückliches Händchen", wünscht Marion Schulz ihrer Nachfolgerin. Sie selbst bleibt als Vorsitzende der Neuberin-Gesellschaft dem Erbe der Theaterreformatorin verbunden.

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