Erben des Naturheilvereins haben super Blick auf die Brücke

Der Netzschkauer Kleingartenverein "Prießnitz" besteht seit 130 Jahren. 15 der 40 Gärten stehen zurzeit leer. Der Vorstand will nun auf die Grundschule zugehen.

Netzschkau.

Die Gartenfreunde des Netzschkauer Kleingartenverein "Prießnitz" feiern Jubiläum. Ihr Verein, der an der Damaschkestraße zu Hause ist, wird heuer 130 Jahre alt. Am 6. November 1888 war er als Verein für volksverständliche Gesundheitspflege und Naturheilkunde gegründet worden. Er ist damit nach den 1887 ebenfalls als Naturheilverein gegründeten Naturfreunden Auerbach der zweitälteste im Regionalverband Göltzschtal.

In jener Zeit schlossen sich viele Menschen in Vereinen zusammen, die über natürliche und verständliche Heilweisen von Krankheiten informierten. So auch in Netzschkau. Pate stand der Landwirt und "Wasserdoktor" Vincenz Prießnitz (1799-1851) aus Gräfenberg (damals Österreichisch-Schlesien/heute Tschechien). Er setzte auf die Heilkraft des Wassers im Verbund mit Ernährung, Bewegung, Licht und Luft als erfolgreiche Reiz- und Regulationstherapie, richtete 1822 eine Wasserkuranstalt ein und gilt als Begründer der modernen Naturheilkunde.

"In den 130 Jahren hat der Verein eine wechselvolle Geschichte erlebt. Nach dem Krieg 1945 wurde er wie viele andere enteignet und in Verwaltung der Stadt übergeben", berichtet Vereinsvorsitzender Wolfgang Knoll. Aus jener Zeit resultieren auch die Besitzverhältnisse: Grundstück und Vereinsheim gehören der Stadt Netzschkau und sind an den Gartenverein verpachtet.

Das Grundstück wurde einst in 60 Parzellen zu je 100 Quadratmeter aufgeteilt. "So ist das heute nicht mehr. Viele Gartenfreunde sind verstorben oder altersbedingt ausgeschieden. Deren Gärten haben oft die Nachbarn übernommen, sodass Flächen unterschiedlicher Größe entstanden", sagt Knoll. Etliche verlassene Lauben verfallen. Abriss und Entsorgung sind teuer. Heute gibt es 40 Gärten. 25 werden durch Mitglieder bewirtschaftet, 15 stehen leer. "Das Problem ist: Auch dort muss zumindest gemäht werden", sagt Schatzmeister Karl-Heinz Altenkirch. "Junge Leute zeigen sich beim ersten Besuch begeistert, kommen aber nicht wieder", berichtet Wolfgang Knoll, der mit 78 Jahren den Vorsitz übernommen hat, damit der Kleingartenverein "Prießnitz" überdauert. "In den Gartenanlagen ist es überall recht einsam geworden. Was fehlt, ist der Nachwuchs", bedauert er. Dabei kann die Gartenanlage "Prießnitz" mit einem besonderen Pfund wuchern: mit dem Blick auf die Göltzschtalbrücke. "Andere Menschen reisen viele Kilometer, um dieses Weltwunder zu sehen. Wir haben sie vor der Nase", rührt Knoll die Werbetrommel. "Zurück zur Natur" liegt im Trend. "Dem Erbe von Vinzenz Prießnitz folgend, sollte man sein Obst und Gemüse selbst anbauen und seinen Kindern zeigen, dass es nicht im Supermarkt wächst", sagt der Vereinschef.

Für das neue Schuljahr hat Wolfgang Knoll eine Idee. Er möchte Kontakt zur Grundschule Netzschkau aufnehmen. "Vielleicht gibt es dort ja Interesse an einem Schulgarten. Platz dafür haben wir und geben gern Hilfe", schaut er voraus.

In den vergangenen fünf Jahren drehte sich im Verein vieles ums Wasser. Eine neue Stadtwasserleitung wurde verlegt, das Vereinsheim hat nun ein WC. Das Vereinsheim, auf 30 Personen ausgelegt, kann man übrigens samt Küche für private Feiern mieten. "Sehr günstig", wie Karl-Heinz Altenkirch betont. Zudem entstand in Eigenleistung eine neue Wasserleitung, die alle Gärten versorgt. Das Wasser dafür kommt aus einem Brunnen, der einst bei Gründung des Naturheilvereins gegraben wurde.

Das 130-jährige Bestehen des Gartenvereins "Prießnitz" Netzschkau soll übrigens am 4. August mit einem gemütlichen Beisammensein gefeiert werden. Mit Kaffee, Kuchen, Mutzbraten, Bier und Wein.

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