Erinnerungen an Kilometer 11,1

Bimmelberta, Unfälle und Co an der Strecke LMG: Bei Abrissarbeiten an der einstigen Seeling-Fleischerei Mylau kam einer von nur noch wenigen Kilometersteinen zum Vorschein.

Mylau.

So um die 115 Jahre sitzt Kilometerstein 11,1 akkurat auf der aus Natursteinen errichteten Mauer des Bahndamms. "Mich fasziniert immer wieder, wie solide und schnell damals gebaut wurde", sagt Ex-Lokführer Günter Wengorz und erzählt vom Bau der Bahnstrecke LMG - Lengenfeld, Mylau bis Bahnhof Göltzschtalbrücke. 1905 war die Strecke komplett fertig, am 24. April 1967 rollte der letzte Güterzug am Kilometerstein 11,1 vorbei - der Abriss eines Altbaus direkt am Beginn der Mühlgasse brachte den unmittelbar hinter dem Haus versteckt stehenden Stein jetzt wieder zum Vorschein. Entdeckt auch von Ex-Stadtrat Manfred Merlack: "Hier war lange alles zugebaut, jetzt ist der Anblick eine schöne Gelegenheit, an die Bahngeschichte zu erinnern."

Findet auch Günter Wengorz, der bereits als Kind eine enge Beziehung zur gesamten Strecke hatte. "Wir wohnten damals im Brücknerhaus. Von dessen Dachboden hatte ich einen prima Ausblick auf den Bahnhof Mylau." Als Knirps genoss er die Fahrten vom Haltepunkt bis zum Kopfbahnhof Göltzschtalbrücke. "Wir sind einfach zum Spaß mitgefahren. Dann warteten wir immer, ob die Lok zum Umhängen links oder rechts an den Waggons vorbeifahren würde." Dann ging's zurück zum Haltepunkt, dicht vorbei am Schlacht- und Räucherhaus der einstigen Fleischerei Seeling, deren Laden sich im heute noch nebenan stehenden Wohnhaus befand. Das Schlachthaus stand bereits, als die Bahnstrecke gebaut wurde, erklärt Günter Wengorz den geringen Abstand zwischen Stein und Wandresten. "Die haben jeden Zentimeter ausgenutzt. In Reichenbach haben sie damals halbe Häuser weggerissen", erzählt der Bahner vom Bau der RMG - das war die vom Oberen Bahnhof kommende und ebenfalls an der Göltzschtalbrücke endende, im August 1969 letztmalig im Planbetrieb befahrene Strecke.

Auf der LMG, dieser Begriff hält sich bis heute, verkehrte die "Mylische Berta". Die Mylauer selbst nannten die gemächlich an der Göltzsch entlangdampfende Bahn "Bimmelberta". Und die war am Kilometer 11,1 gar nicht ungefährlich. An dem unbeschrankten Bahnübergang wenige Meter weiter kam es zu einigen Unfällen, bei denen die Loks so manches Auto bis zum Schlacht- und Räucherhaus mitgeschleift hatten. So wurde der Übergang 1935 mit Schranken ausgestattet.

An die im Zuge der Industrialisierung angelegte Lebensader erinnern heute nur noch wenige Reste. Bei Kilometer 11,1 jedoch gleich mehrere. Neben dem Abteilungszeichen (der fachlichen Bezeichnung für Kilometerstein) und dem Bahndamm gibt es den oft von Enten bevölkerten Sockel der 1969 abgerissenen Bahnbrücke über die Göltzsch. Ein paar Meter flussabwärts steht noch ein Oberbau-Messpunkt. Diese Punkte erlaubten bei Reparaturarbeiten stets eine genaue Lagebestimmung der Gleise. Von den Kilometersteinen selbst gibt es in Mylau noch den bei Kilometer 12,1 am einstigen Bahnhof Göltzschtalbrücke und einen zugewachsenen bei Kilometer 11,4 am einstigen Aldi-Markt. Einige der Steine stehen auch noch am auf dem einstigen Bahndamm verlaufenden Radweg nach Mühlwand.

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