"Es tut gut, weniger Druck zu haben"

Reichenbachs langjähriges Stadtoberhaupt Dieter Kießling spricht über Ruhestand, Städtefusionen und Verantwortung der Landtagsmitglieder

Nach 15 Jahren an der Spitze der Stadt Reichenbach ist Ex-Oberbürgermeister und Ex-Amtsverweser Dieter Kießling jetzt im Ruhestand angekommen. Mit dem 65-Jährigen sprach Ulrich Riedel.

Seit 1990 standen Sie immer in politischen Ämtern unter Strom: als Vize-Landrat, als Stadtoberhaupt. Geht es auch ohne?


Es tut gut, weniger Druck und Verantwortung zu haben. Ich bin noch nicht ganz raus und bleibe erst mal bis 2019 Kreisrat und vorerst auch 2. Geschäftsführer der Vogtland Kultur GmbH.

Wie sieht der Tagesablauf des Ruheständlers Kießling aus?

6 Uhr aufstehen, am Wochenende 7 Uhr. Ich nutze die Zeit, um öfter mal 30 Kilometer Rad zu fahren. Meine Frau und ich sind dankbar, dass unser Enkelsohn aus Münchberg zurzeit bei uns lebt: Er ist 19 und absolviert ein freiwilliges soziales Jahr beim Lebenshilfeverein. Das bringt Struktur in den Tag. Wir genießen diese gemeinsame Zeit.

Viele reisen, wenn sie in Ruhestand gehen. Und Kießlings?

Die Welt ansehen? Keine Weltreise. Kleinere Reisen? Ja, mit dem Fahrrad: die Mosel, die Freiburger Gegend noch in diesem Jahr. Aber wir sind bodenständig. Familie, Freunde, Vereinsarbeit. Auch in der Kirche kann ich mich jetzt mehr engagieren. Ich brauche immer mal Leute um mich.

Ihre Bilanz weist mit Tag der Sachsen, Landesgartenschau, Millionensummen an Fördermitteln und großartigen Wahl- ergebnissen viele Erfolge aus. Doch zuletzt fielen auch einige Schatten auf Reichenbach.

Die Erfolge sind nur durch Mitarbeiter der Stadt und politische Vertreter über Parteigrenzen hinweg möglich gewesen. Im Stadtrat habe ich nie Parteipolitik gemacht. Ich bin mir sicher, dass es mit meinem Nachfolger Raphael Kürzinger auch so weitergeht. Einiges hätte ich mir jedoch noch gewünscht.

Was wäre das konkret?

Reichenbach braucht ein umfassendes und modernes Wohnkonzept, das der alternden Bevölkerung gerecht wird. Auch ein Stadtentwicklungskonzept, das nicht nur bis 2020, sondern bis 2025 oder 2030 reicht, um zu sehen: Wie sieht die Stadt in 10 bis 15 Jahren aus. Das muss mein Nachfolger jetzt lösen.

Was war Ihr größter Glücksmoment als Oberbürgermeister?

Die Eröffnung und der Zeitraum der Landesgartenschau 2009. Einfach unvergesslich!

Und die größte Enttäuschung?

Die Schließung der Hochschule. Wie man mit uns umgegangen ist, das hat tiefe Narben hinterlassen. Alles war von vornherein beschlossene Sache. In Sachsen gelten nur die Leuchttürme etwas. Eine Stadt wie Reichenbach braucht aber auch junge Menschen. Der Wahnsinn ist: Die Ausbildung ist weg, aber weil Reste der Textilausbildung noch hier stattfinden, ist die Nachnutzung blockiert. In Dresden wird da auf Zeit gespielt.

Wer war es denn konkret, der Reichenbach das angetan hat?

Sabine von Schorlemer als damalige Ministerin, vielleicht auch in Abstimmung mit dem Rektor der Westsächsischen Hochschule Zwickau.

Letztlich bestimmt der Landtag die Grundsätze der Politik. Wir haben im Vogtland vier Wahlkreis-Abgeordnete, alle in der Regierungspartei CDU. Deren Kampfgeist fand auf sehr überschaubarem Niveau statt.

Jeder denkt an seinen Wahlkreis. Ein Beispiel: Wenige Wochen nach der Ankündigung, den Hochschulstandort Reichenbach zu schließen, hat Plauen einen Vier-Millionen-Förderbescheid für die Berufsakademie erhalten. Gut für Plauen, auch für das Vogtland. Aber in Reichenbach wurde der einzige Hochschulstandort im Vogtland geopfert.

Weder der CDU-Landtagsabgeordnete Alfons Kienzle, noch später Stephan Hösl haben in der Sache Akzente gesetzt. Was müsste Herr Hösl jetzt tun?

Gemeinsam mit den Verantwortungsträgern der Stadt - inklusive Bürgerinitiative Bitex - im Finanzministerium eine angemessene Nachnutzung noch vor der Landtagswahl 2019 verbindlich fordern.

Was ist aus der Idee geworden, das Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland aus Greiz nach Reichenbach zu holen?

Da ist im Moment Ruhe eingekehrt.

Warum?

Es geht unter "vorgehaltener Hand" um Investitionsforderungen an den Freistaat, die noch in der Prüfung seien.

Und warum stagniert der alternative Plan, ein Kältetechnik-Zentrum zu etablieren?

Wir brauchen einen Bildungsträger. Viel hängt davon ab, dass sich jemand an die Spitze stellt. Die bisherigen Gespräche brachten noch keinen Durchbruch.

Kommen wir zu Erfreulicherem. Die Fusion Reichenbachs mit Mylau wird als Erfolg gewertet.

Ist sie auch. Ich bin dankbar, dass es so geklappt hat - trotz aller Zweifel, die bei der Gewerbesteuer-Rückzahlung in Mylau aufgekommen waren. Dort hat uns Dresden geholfen: Innenministerium und Finanzministerium.

Eigentlich wären aus finanzpolitischen Gründen noch weitere Fusionen nötig. Was wird in 10 oder 20 Jahren zu Reichenbach gehören? Netzschkau, Neumark, Heinsdorfergrund, Limbach?

Diese Region wird irgendwann etwas Gemeinsames sein. Vieles ist es ja schon jetzt: Planungsverband für das Industriegebiet, Abwasserzweckverband und die Verwaltungsgemeinschaft mit Heinsdorfergrund zum Beispiel.

Gibt es denn noch den länderübergreifenden Städteverbund mit Greiz? Man hat da lange nichts mehr gehört.

2011 wurde Geld für ein neues Konzept ausgegeben. Erfurt und Dresden waren beteiligt. Doch bis auf Absprachen zu regionalen Planungen - so Windenergie und Wohnungsbau - steht der Städteverbund momentan nur auf dem Papier.

Warum ist das so?

Es fehlt die Möglichkeit der Förderung gemeinsamer Projekte, beispielsweise des länderübergreifenden Radweges Mylau - Greiz.

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