Experte: Nicht die Kinder sind zu dick, aber ihre Ranzen

Die Grundschüler im Plauener Stadtteil Reusa haben gestern ihre Ranzen wiegen lassen. Schon Siebenjährige ächzen unter dem Gewicht, so das Ergebnis. Abspecken ist schwierig.

Plauen.

Ein paar Brummer hat Jürgen Lüdecke rausgefischt. Schulranzen, die acht Kilo wiegen, obwohl das Kind höchstens drei Kilo tragen sollte. Wie der Ranzen der Zweitklässlerin, die nun traurig zu Lüdecke hochschaut. Der bildet an der Medizinischen Fachschule Bad Elster Physiotherapeuten und Ergotherapeuten aus und macht mit seinen Schülern Ranzen-Checks in vogtländischen Grundschulen. Gestern eben im Plauener Stadtteil Reusa.

Nach sechs Jahren uns Tausenden gewogenen Ranzen zieht der Therapeut dieses Ergebnis: "Die Kinder sind nicht mehr so dick." Auch seien die Ranzen, die sie auf ihren schmalen Schultern tragen, leichter geworden. Eltern und Lehrer würden verstärkt auf das Gewicht achten und die Taschen entrümpeln. Trotzdem nicht alles in Butter, so Lüdecke, denn den Kindern fehle es an Muskeln, um die Schultasche auf dem Rücken zu tragen. "Das sieht man zum Beispiel an ihrer Körperhaltung", sagt er.


Von den gestern gewogenen Zweitklässler-Ranzen waren die meisten im gelben Bereich. Nach einer gängigen Formel darf er nur ein Zehntel dessen wiegen, was das Kind wiegt. Ab 15 Prozent drohen Schäden, so Lüdecke. Doch was können Eltern und Lehrer mit diesem Ergebnis anfangen? Der mehr oder weniger schwere Ranzen ist gekauft, und was rein muss, muss rein.

Trotzdem sieht der Experte Möglichkeiten zum Abspecken. Wichtigste Konsequenz sei das Selektieren. Ein Ranzen, der zu schwer ist, sei nicht richtig gepackt, so seine Theorie. Was nicht gebraucht wird, sollen die Mädels und Jungs in der Schule lassen. Nicht überall seien aber die Voraussetzungen so gut wie in Reusa, wo jeder ein Fach für seine Sachen besitzt. "Da gibt es große Unterschiede", sagt Lüdecke.

Schulleiterin Petra Kroße hat sich die Ranzen-Checker im Rahmen einer Projektwoche in das Haus geholt. Jetzt hofft sie darauf, dass die Eltern die selbst gekauften Sammelordner ausrangieren, in denen die Kinder die Arbeitshefte bündeln. "Das haben etliche bei uns, und das kann schwer werden", sagt Petra Kroße.

Den Ranzen-Test bietet die Krankenkasse KKH den Grundschulen an. Sie holt sich dafür Fachpersonal ins Boot, etwa von der Medizinischen Fachschule. Gebietsleiterin Annett Geigenmüller spricht von einem Präventionsangebot für die Kinder. Die Eltern mussten zuvor eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass ihr Nachwuchs teilnehmen darf. "Wenn ich an einer Schule etwas auf die Beine stellen will, geht ohne Werbung nichts mehr", sagt Petra Kroße.

Dass das Abspecken in der Praxis schwierig sein kann, zeigt Acht-Kilo-Ranzen der Zweitklässlerin. Sie hat nur Schulsachen eingepackt. Aber eben alle, die Zweitklässler heute besitzen.

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