Fries zeigt Reichenbacher Handwerker

Ein Schmiedelehrling stand einst Modell für ein Kunstwerk, das noch heute ein Gebäude des Beruflichen Schulzentrums ziert. In Sachen Ausbildung hat sich seitdem viel verändert.

Reichenbach.

Der Ur-Reichenbacher Günther Arnold trat in der Werkstatt des Schmiedemeisters Karl Pippig in der inneren Zwickauer Straße in Reichenbach seine Lehrzeit an. Dort erfuhr er, dass im geflügelten Wort "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" auch für Schmiedelehrlinge viel Wahrheit stecken kann. Pünktlich 6.45 Uhr stand er an seinem ersten Arbeitstag vor dem Tor der Werkstatt. Heute befindet sich dort die Sattlerei Ludwig. Nach einer gründlichen Musterung durch den Meister bekam der junge Mann eine Kiste mit verbogenen Nägeln ausgehändigt. Er sollte diese Nägel gerade richten. Ohne Probleme gelang dies dem Lehrling. Als er mit dieser Arbeit zu Ende war, wollte man seine Hände sehen. Man dachte, er habe sich öfters auf die Finger geschlagen. Doch keine Verletzungen waren auszumachen. Günther hatte bereits Erfahrungen mit "krummen" Nägeln in der "Kellerwerkstatt" seines Vaters gesammelt.

Damals wurde bis 19.30 Uhr gearbeitet mit einer Stunde Mittagspause, die Günther zu Hause verbrachte, wo seine Mutter mit dem Essen wartete. Samstags wurde auch bis 19.30 Uhr gearbeitet, wobei der Lehrling anschließend noch die Werkstatt aufräumen musste. In Pippigs Schmiede wurden nicht nur Pferde beschlagen, sondern auch Zulieferarbeiten für andere Betriebe, etwa Drehgestelle für Transportgeräte ausgeführt.

Günther hatte bald seine Scheu vor Pferden überwunden und sich mit dem Grauschimmel der benachbarten Spedition Gottwald Schneider regelrecht angefreundet, wenn der Schimmel zum Hufbeschlag gebracht wurde. Einmal im Monat gab es theoretischen Unterricht in der Gewerbeschule, die 1915 an der damaligen Blücherstraße, der heutigen Bebelstraße, eingeweiht wurde. In der Klasse für Metallberufe saß neben Günther auf der Schulbank Hans F., der nach 1945 als Lehrer an dieser Schule arbeitete. Als das Werkstattgebäude für die Gewerbeschule Ende der 1930er-Jahre geplant wurde, war auch ein Fries mit typischen Motiven aus der Welt des Handwerks vorgesehen. Zeichenlehrer Kreher fertigte Skizzen an und wählte die Lehrlinge als Modelle aus. Günther wurde so als Lehrling mit der Zange auf der Schulter auf dem Fries verewigt. Noch heute ziert dieses Wandbild das 1940 eingeweihte Werkstattgebäude, das Teil des Beruflichen Schulzentrums Reichenbach ist.

Zwischenprüfungen gab es für die Lehrlinge halbjährlich. Die Ergebnisse wurden anhand von Werkstücken durch den Obermeister und die Prüfungskommission begutachtet. Im Gasthaus "Goldener Stern" an der Hainstraße, heute Heinrich-Ludwig-Straße, fand die Auswertung in Anwesenheit des Lehrlings statt. Dem Lehrling wurde bei dieser Veranstaltung ein halbes Glas Bier gestattet.

Nach dreieinhalb Jahren Lehrzeit fand dann die Abschlussprüfung statt. Die Bekanntgabe des Ergebnisses mit der Freisprechung zum Gesellen geschah in Plauen. Nachdem vor Günther schon eine Reihe von Lehrlingen aufgerufen worden waren, kam er an die Reihe. Innerlich befürchtete er, durchgefallen zu sein. Doch das Gegenteil war der Fall: Günther bekam das Prädikat "Auszeichnung". Sein Gesellenstück, das er in der Werkstatt in Reichenbach angefertigt hatte, war eine geschmiedete Grabehacke, wie sie damals von den Straßenmeistern an den Wegesrändern zur Beseitigung von Bewuchs eingesetzt worden ist.

Auf der Heimfahrt mit der Eisenbahn von Plauen nach Reichenbach sagten die anderen neuen Gesellen, dass sie nun in die Industrie gehen wollten, um endlich Geld zu verdienen. Er blieb als Geselle bei Meister Pippig. Während der Lehrzeit von Günther wurde 1934 in Reichenbach das 850. Stadtjubiläum begangen. Die Lehrlinge der Schmiedinnung waren im Festumzug als mittelalterliche Knappen dabei, so auch Günther.

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