Frohnatur und fulminantes Wissen

In der Greizer Reihe "Prominente im Gespräch" war mit Henri Mènudier ein führender französischer Politologe zu Gast.

Greiz.

Harald Seidel bedenkt in seiner Prominentenreihe ein breites Spektrum an Themen, widmet sich gern auch regionalen Belangen; am liebsten allerdings lässt er den Blick weiter schweifen. So führte die jüngste Veranstaltung von "Prominente im Gespräch" in die Gefilde der internationalen Politik. "Frankreich vor der Präsidentschaftswahl - wie gefährdet sind die Demokratie und die Europäische Union?" war der Abend am Freitag im Weißen Saal des Greizer Unteren Schlosses überschrieben. Ob die gut 60 Besucher dabei tatsächlich in Größenordnungen Neues erfuhren, sei dahingestellt. Auf jeden Fall saß man mit sichtlichem Vergnügen zwei Stunden einem französischen Professor gegenüber, dem 1940 geborenen, seit 1988 an der Pariser Sorbonne lehrenden Politologen Henri Mènudier. Der Wissenschaftler, dessen Spezialgebiet die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945 sind, war auf Einladung des Europäischen Informations-Zentrums Thüringens fünf Tage im Freistaat und hielt in der Zeit - meist in Schulen - elf Vorträge.

Mènudier, ein europaweit gefragter Referent, verkörpert über sein fulminantes Wissen und perfektes Deutsch hinaus eine sympathische Mischung aus Zurückhaltung, Höflichkeit und Frohnatur. Selbst wenn er auf äußerst Bedenkliches zu sprechen kommt, das mögliche Aus für die EU etwa, das bei einem Wahlsieg der französischen Rechten droht, vermag er noch verbindlich zu lächeln, verliert seine Sprache nichts von ihrer leisen, unbeschwerten Musik. Und Mènudier bleibt mit jeder Faser Wissenschaftler, neutral, unvoreingenommen und betont fair. Ob er die sozialen Verwerfungen in seinem Land beschreibt, ob er die Verfehlungen der alteingesessenen Eliten oder die fragwürdigen Positionen des Front National markiert, da gibt es keine arroganten Wertungen, keinen bösen Spott, auch keine bedeutungsschweren Schwarzmalereien.

Was der Gast nicht ausdrücklich formuliert, was aber in Mimik und Gestik mitschwingt, ist: Wer immer bei ihm zu Hause am 23. April und zur Stichwahl am 7. Mai den Sieg davon trägt; Frankreich und letztlich auch Europa verfügt über die demokratische und moralische Substanz, es zu überstehen.

Harald Seidel hatte zu Beginn der Veranstaltung bekannt, angesichts der aktuellen Weltlage zwischen Pessimismus und Optimismus zu schwanken. Henri Mènudier wie auch der tiefempfundene, quicklebendige Jazz von Hermann Losch (Klavier) und Christoph Beer (Saxofon), der den Abend umrahmte, standen im Weißen Saal wohl für Letzteres.

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