Frühere Bahnbetriebswerker schauen auf die bunte Vielfalt

Ein Rundgang mit einstigen Mitarbeitern auf dem früheren Eisenbahngelände gehört zum Ibug-Konzept. Bei dem Treffen kam auch Wehmut auf.

Reichenbach.

Freude über die bunten Kunstwerke war schon da. Aber die Trauer über verfallene Gebäude und sprießende Bäume überwog bei den etwa 40 ehemaligen Mitarbeitern des Bahnbetriebswerks Reichenbach, als sie am gestrigen Donnerstag ihre ehemalige Wirkungsstätte besuchten. Auf dem Gelände treffen sich gerade etwa 100 Künstler aus aller Welt zum Ibug-Festival, einer Initiative zur kreativen Belebung alter Industriebrachen in der Stadt. In seiner 14. Auflage macht das Festival dieses Jahr auf dem Gelände des alten Bahnbetriebswerks Station. Die Künstler wählen bei der Umsetzung ihrer Ideen Mittel von Malerei und Graffiti, Illustrationen, Installationen, Performance bis hin Multimedia.

Für die vorwiegend älteren Damen und Herren galt es erst einmal die Eindrücke des Verfalls zu verarbeiten. "Das ist jetzt ein Naturschutzgebiet. So sieht es eben aus, wenn der Mensch verschwindet", stellte ein älterer Herr aus Zwickau fest, der seinen Namen nicht nennen wollte. Er hatte dort viele Jahre als Lehrmeister gearbeitet: "Fahrzeugschlosser und Instandhalter habe ich ausgebildet. Aber so ist das eben, was nicht gebraucht wird, kommt weg." Er war nicht der Einzige, der den Verfall des einstigen Bahnbetriebswerks mit Wehmut betrachtete. Kerstin Neidhardt, die bis zur Schließung des Werks als Disponentin gearbeitet hatte: "Ich bin traurig, wenn ich das hier sehe. Das war hier früher eine schöne Zeit. Ich hätte gern weitergearbeitet." Bis zum letzten Arbeitstag im September 1999 war sie noch mit der Räumung des Lagers beschäftigt. Sie ist eine der wenigen Zeitzeugen, die am letzten Tag Fotos geschossen hat.


Etliche der früheren Kollegen halten noch heute Kontakt untereinander. Einige hatten sich lange nicht gesehen und umarmten sich beim Zusammentreffen. Ein Fotoalbum wurde herumgereicht. Es waren vor allem emotionale Momente, die sich bei diesem Wiedersehen breit machten. Ein anderer älterer Herr berichtete, dass er eigentlich nicht zum Treffen kommen wollte. Als er die Aktivitäten der Künstler in Augenschein nahm, fand er: "Es ist ordentlich, was hier gemacht wird." Eine Frau aus Zwickau konnte sich dank der noch vorhandenen Wege auf dem Gelände gut orientieren: "Ich war hier vor 40 Jahren als Lehrling. Damals sind die Züge noch pünktlich gefahren, und auch wir als Lehrlinge mussten immer pünktlich erscheinen", sagte sie beim Blick zurück. Auch sie empfand es als traurig, dass dort alles verfällt. Das Einbeziehen ehemaliger Betriebsangehöriger in das Festival ist Teil des Konzepts, wie Klara Zeitz vom Ibug-Team mitteilte: "Viele ehe- malige Betriebsangehörige kommen von selbst vorbei und schauen, was wir machen. So entstehen die ersten Kontakte. Viele Ehemalige kennen sich untereinander und informieren sich dann gegenseitig über diesen Termin, den wir immer ein paar Tage vor die eigentliche Eröffnung für das Publikum legen." Mit den Gästen ging die Öffentlichkeitsmitarbeiterin über das Gelände und ließ sich auch anhand von Fotos die Bedeutung der einzelnen Gebäude erklären.

Am Sonntag, 1. September, 14 Uhr gibt es in der Projekthalle einen Film über das Bahnbetriebswerk Reichenbach und ein Gespräch mit ehemaligen Bahnbetriebswerkern.

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