Gespenstische Bilder an der A 72

Bei dem Großbrand in einer Halle des Galvanik-Unternehmens GTO nahe Reichenbach sind am 26. Juni 350 Helfer im Einsatz - beobachtet von ungezählten Schaulustigen.

Wenn die Reichenbacher Feuerwehr mit einem Großaufgebot ausrückt, denken viele sofort an Glitzner - in der kreiseigenen Müllfirma an der A 72 waren in den letzten Jahren immer wieder kleinere und größere Feuer zu löschen. Zuletzt hatten zwei größere Brände überregionale Aufmerksamkeit erregt. Das Geheul der Sirenen am Abend des 26. Juni galt jedoch einem Ereignis, das Minuten später für gespenstische Bilder sorgte und eine Invasion von Schaulustigen auslöste - eine riesige, von teilweise bis zu 30 Meter hohen Flammen durchzogene Rauchsäule quoll aus einer brennenden Produktionshalle des Galvanik-Unternehmens GTO und lockte Hunderte an den Brandort im Gewerbegebiet an der A 72 und umliegende Aussichtspunkte. Ungezählte Handyaufnahmen dürften auch heute noch die Arbeit von 350 Einsatzkräften, die bald folgende Abrieglung des Gewerbegebietes und die Leere auf der stundenlang gesperrten A 72 dokumentieren. Den Ansturm der teils mit Kind und Kegel anrückenden Massen kommentierte Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU) tags darauf mit einer sarkastischen Einladung: Jeder sei in Reichenbach willkommen - um sich bei Feuerwehr oder einer anderen Hilfsorganisation zu engagieren.

Der wohl aufgrund eines technischen Defektes beim Beschichten ausgelöste Brand hatte für viele Zuschauer die Bilder des Jahres geliefert; den beim Einsatz verletzten Feuerwehrleuten steckt das Ereignis bei hochsommerlichen Temperaturen vermutlich noch heute in den Knochen. Jörg Pöcker, der den Einsatz als Chef der Plauener Berufsfeuerwehr mit koordiniert hatte, sprach von einem der größten Werksbrände in seinen 35 Jahren bei der Feuerwehr und attestierte seinen Kollegen, "teilweise Übermenschliches geleistet" zu haben. Der Lengenfelder Bürgermeister Volker Bachmann (Pro Lengenfeld) sagte, der letzte Glitzner-Brand sei im Vergleich zum Brand in der galvanotechnischen Firma ein Kochfeuer gewesen. Andere Beobachter sprachen von einer Katastrophe - Galvano-Brände dieser Kategorie gibt es deutschlandweit pro Jahr vielleicht ein Dutzend.

Das Ausmaß des Großbrandes erklärt wohl auch manchen grotesken, fast unbeobachtet gebliebenen Zug des Einsatzes: Während Polizeifahrzeuge auf der Bundesstraße patrouillierten und Beamte über Lautsprecher Gaffer zum Verlassen der Straßenränder aufforderten, holte ein Landwirt ein paar Meter weiter völlig unbehelligt mit dem Traktor Heu ein. Selbst auf dieser Wiese, gut 100 Meter vom Firmengelände entfernt und entgegengesetzt der Windrichtung liegend, war ein stechender, säureartiger Geruch wahrnehmbar. Ein Polizist charakterisierte den Gestank beim Räumen der nahen Straße so: "Mach, dass du sofort wegkommst. Das ist hochgiftiges Zeug."

Das über Stunden in südwestliche Richtung ziehende Zeug zog Probenentnahmen in Luft und am Boden nach sich und führte neben Empfehlungen für den Verzehr von Obst und Gemüse aus dem heimischen Garten zur behördlich angeordneten Schließung eines nahen Spielplatzes - die Steppkes der Schönbrunner Kita harrten tagelang bei brütender Hitze in den Räumen aus. Der Sand des Spielplatzes wurde ausgewechselt, Eltern gingen auf die Barrikaden, die Schließung der Einrichtung wurde erwogen. Schließlich gaben die Behörden Entwarnung. Bis auf erhöhte, dennoch aber innerhalb der Grenzwerte liegender Werte für Zink und chlorhaltiger Kohlenwasserstoffe sei alles im grünen Bereich. Der Stubenarrest der Kinder war vorbei, die Diskussionen gingen monatelang weiter.

Beispielsweise die um mögliche gesundheitliche Auswirkungen des freigesetzten Gift-Cocktails und die Rolle der Behörden bei der Beurteilung des von einer Galvanik-Firma dieser Größe für die Allgemeinheit ausgehenden Gefahrenpotenzials. So hatten Heinsdorfer Bürger in einer Info-Veranstaltung zum Brand gefragt, weshalb eine solche Firma mit einem derartigen Brandrisiko überhaupt in der Nähe eines Waldes bauen dürfe - bei einer anderen Windrichtung wäre eine Katastrophe ganz anderen Ausmaßes denkbar. Der Reichenbacher Anwalt Ulf Solheid ließ als einer von vielen Fragestellern nicht locker und verschaffte sich sogar bei Sachsens Ministerpräsident Gehör - Michael Kretschmer versprach, sich der Sache anzunehmen. Und hielt Wort.Erst kürzlich traf bei dem Anwalt eine von einem Referatsleiter der Staatskanzlei mitgeteilte Antwort auf Solheids Fragen ein: Vogtlandkreis und Umweltlandesamt hätten demnach die "Mengen an gefährlichen Stoffen" zum Zeitpunkt des Brandes geprüft und seien der Auffassung, "dass die Schwellenwerte für die Anwendbarkeit der Störfall-Verordnung ... nicht erreicht werden". Somit falle eine solche Anlage nicht "in den Geltungsbereich der Störfall-Verordnung" - sondern unterliege weiter der Überwachung der zuständigen Brandschutzbehörde. Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen zur Minimierung eines Risikos für Mensch und Umwelt seien demnach nicht zu treffen gewesen - und damit wohl auch nicht zu treffen.

Im Hinblick auf die abgebrannte Halle und den nach dem Feuer von der Führungsetage der auch für GTO zuständigen Kap-Firmengruppe angekündigten Wiederaufbau einer "Muster-Galvanik" dort sind diese Einschätzungen indes gegenstandslos. Erst vor ein paar Tagen hatte die Firmengruppe millionenschwere Investitionspläne vorgestellt, wonach zwei große Galvanik-Anlagen nicht im Vogtland, sondern in Polen und in Döbeln gebaut werden. Mit diesen Anlagen soll sich das Produktionsvolumen im Vergleich mit der zerstörten GTO-Galvanik verdoppeln. An der A 72 - dort wird in einer vom Brand nicht berührten Halle nach wie vor produziert - hält die Gruppe jedoch weiter eine vor drei Jahren zugekaufte Expansionsfläche für ein Engagement vor. Dazu gehört auch die wiederverwendbare Bodenplatte der abgebrannten Halle.

Wer sich dieses Beton-Fundament heute anschaut, hat sofort wieder die Bilder vom 26. Juni im Kopf und die Diskussionen im Ohr. Die Nachrichten von durch Säuredämpfe verletzten Feuerwehrleuten machten genau so die Runde wie Schilderungen darüber, wie sich Feuerwehrschläuche beim Einsatz in ihre Bestandteile aufgelöst hatten. In Unterheinsdorf auf einer Wiese war für jeden sichtbar, was da gebrannt hatte: Um einen Gullydeckel herum war das Gras förmlich verbrannt - ganz offenbar beim Austritt kontaminierten Wassers. Die dürftige Informationslage der ersten Tage nach dem Brand mündete in Forderungen nach schneller und umfangreicher Aufklärung.

Die Gemeinde Heinsdorfergrund nimmt dies im Hinblick auf künftige Brände in ihrem Industriegebietsteil offenbar ernst. Bürgermeisterin Marion Dick kündigte im Gemeinderat an, in Kürze in Kontakt mit den Firmen treten und über ein verbessertes Brandschutz- und Info-Management sprechen zu wollen.

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