Gesucht: Ehrenamtliche Begleiter durch die Nacht

Telefonseelsorger sind Zuhörer ohne Namen und Gesicht. Sie sind rar geworden und deshalb die Leitungen oft besetzt. Auch die Nöte der Anrufer haben sich verändert.

TabeaWaldmann - Leiterin der Telefonseelsorge, Regionalstelle Vogtland

Von Ulrike Abraham

Für manche ist die Nacht ein Gefängnis. Sie liegen wach, grübeln. Das Herz rast, kalter Schweiß bricht aus. Manche wählen dann die Nummer der Telefonseelsorge. Am anderen Ende fangen Menschen Schmerz, Angst und Wut auf. Sie sind Begleiter durch eine Nacht, die die Seele gefangen hält. Auch am Tag.

Rund 6300 Gespräche haben die Mitarbeiter der Telefonseelsorge Vogtland im vergangenen Jahr geführt, sagt Tabea Waldmann, die Leiterin der Regionalstelle. Die Seelsorger sind Zuhörer ohne Namen und Gesicht. Im Schutz der Anonymität sind sie oft das einzige Ventil für Menschen, die nicht wissen, wohin mit sich und ihren Sorgen. Doch die Zuhörer sind rar geworden.

55 Männer und Frauen sind es derzeit im Vogtland; 70 waren es noch vor sechs oder sieben Jahren. Telefonseelsorge ist Ehrenamt: 15 Stunden Dienst macht jeder Mitarbeiter im Monat. Das reicht kaum, um die Leitungen rund um die Uhr zu besetzen, die in der Region geschaltet sind. Zwei sind es in Südwestsachsen, in ganz Sachsen fünf. Wenn es eng wird, schiebt Tabea Waldmann mehr Dienste. Die 54-Jährige ist psychologische Beraterin bei der Diakonie Auerbach, zu der die Telefonseelsorge im Vogtland gehört. Man muss im Schnitt fünf Mal die Nummer der Seelsorge wählen, bis man durchkommt. "Das ist ein Problem", sagt Tabea Waldmann.

Vor allem bei akuten Krisen. In 629 Gesprächen im vergangenen Jahr ging es um Suizid: um eigene Selbstmordgedanken oder die Angst um Angehörige. Die Zahl steigt seit Jahren - was wohl auch daran liegt, dass sich mehr Menschen trauen, darüber zu sprechen, sagt Michael Riedel, Chefarzt des Rodewischer Landeskrankenhauses.

Am Montag ist Welttag der Suizidprävention; in der Auerbacher Nikolaikirche machen eine Lesung und Diskussion auf das Thema aufmerksam. Für Waldmann ist der Tag Anlass, noch einmal um Seelsorger zu werben. Doch sie betont: "Es ist nicht so, dass ständig Menschen anrufen, die mit dem Telefon in der Hand auf einer Brücke stehen."

Die allermeisten Menschen rufen nicht zum ersten Mal an. Im Gegenteil: Viele wählen regelmäßig die Nummer der Telefonseelsorge. Menschen etwa, die unter Depressionen leiden, aber austherapiert sind - in dem Fall zahlt die Krankenkasse keine Behandlungen mehr.

Die per Telefon geführten Gespräche mit den Seelsorgern sind Ritual, das Halt gibt. "Heute geht es mir nicht so gut", erzählen sie dann, oder: "Heute traue ich mich aus der Wohnung." Das zu thematisieren, kann eine enorme Entlastung sein, sagt Chefarzt Riedel. Telefonseelsorge sei deshalb eine wichtige Institution.

Der Umfang der Gespräche nimmt zu: Im Schnitt dauern die Telefonate 28 Minuten. "Die Probleme sind komplexer", sagt Waldmann. Krankheit, Einsamkeit und Geldnot vermengen sich zu einem Mix, der die Betroffenen überfordert. Vielen mache die Veränderung in der Gesellschaft Angst. Sie fürchten beispielsweise, neben Flüchtlingen zu kurz zu kommen. "Das ist neu", sagt die Fachfrau. Wegen Politik habe vor zehn Jahren niemand angerufen, stellt sie fest.

Die Seelsorger hören zu. Werten nicht, urteilen nicht, bevormunden nicht. Die Antworten auf Fragen, die sie quälen, müssen die Betroffenen selbst finden. Die anonymen Zuhörer ermutigen, den nächsten Schritt zu tun: zum Arzt, vor die Tür, oder ins Büro des zuständigen Politikers.

Telefonseelsorge: Wer Interesse am Ehrenamt hat - Kontakt Tabea Waldmann: 03744 217727 oder 0176 1261060. E-Mail: ehrenamt@ts-vogtland.de. Die Ausbildung beginnt im Oktober und umfasst 150 Stunden.

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