"Gewissensbisse": Wenn der Einkauf zum Bekenntnis wird

Der Verkauf aussortierter Lebensmittel trifft in einem neuen Lengenfelder Laden auf große Nachfrage. Wer kauft, setzt auch ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung.

Lengenfeld.

Ein seit Kurzem in Lengenfeld Furore machendes Angebot dürfte so recht nach dem Geschmack von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner sein. Hat die CDU-Politikerin doch erst in dieser Woche Verbraucher und Wirtschaft zu konkreten Schritten zum Eindämmen der seit Jahren anwachsenden Lebensmittelverschwendung angehalten. Ziel ist die Halbierung der Abfallmenge, die aktuell zwölf Millionen Tonnen jährlich beträgt - bundesweit. Im Lengenfelder Gewerbegebiet bäckt derweil ein kleines Start-up unter dem Label "Gewissensbisse" und mit demselben Ziel kleinere Brötchen.

Und die Kunden ziehen mit, informiert mit Frederike Eisenkolb die Chefin des Automobilzulieferers Produktionsdienste at home. Sie und weitere Mitarbeiter des Unternehmens bieten seit ein paar Wochen in einem separaten Raum und auf Regalen vor dem Firmensitz Lebensmittel an, die bei Discountern und Großhändlern aussortiert wurden. "Die Ware ist absolut genießbar, passt aber etwa aufgrund ihres Mindesthaltbarkeits-Datums oder ihres Aussehens wegen nicht mehr ins jeweilige Qualitätskonzept", sagt Frederike Eisenkolb, die mit Mitarbeiterin Marlen Preßler und ihrem Mann Lars Gemeinhardt das ungewöhnliche Angebot entwickelt hat.

Bezahlt wird nämlich am auch an den Samstagen reich bestückten Außen-Regal in eine Kasse des Vertrauens. Lars Gemeinhardt: "Da finden sich nicht nur Cent-Beträge. Die Kunden, mit denen wir direkt in Kontakt kommen, finden die Idee gut und unterstützen sie." So wie Jochen Wander, der aus dem Zentrum raus gefahren ist und neben Obst und Gemüse abgepackte Lebensmittel eingekauft. "Warum ich das gut finde? Weil ich mit der ganzen Familie aktiv etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun möchte." Ähnlich lesen sich lobende Kommentare in sozialen Netzwerken.

Die Idee, aussortierten Lebensmitteln eine zweite Chance zu geben, hatten Frederike Eisenkolb und ihr Mann im Sommer beim Schauen eines Fernsehbeitrags zum Thema. "Da wurde gezeigt, wie einfallsreich die Franzosen das Problem angehen. Da war uns klar, auch etwas tun zu müssen", erzählt Lars Gemeinhardt über die Vorbereitung und das Management des Angebots. So wurde das Vorhaben in Abstimmung mit dem Lebensmittelüberwachungsamt des Kreises in die Tat umgesetzt. "Zudem orientieren wir uns an branchenüblichen Qualitätsstandards, die vom Einhalten der Kühlkette, über das Beproben der Lebensmittel bis hin zur täglichen Bewertung der Ware reichen."

Für ihren Idealismus investieren die Lengenfelder nicht nur Zeit. Kosten fielen für die Einrichtung des Ladens inklusive Kühlschrank und Kühltruhe und den Kauf eines Kühlcontainers fürs Auto an - auch der Transport kostet, dreimal in der Woche wird frische Ware geholt. In Kürze soll zudem am Außenregal ein Outdoor-Kühlschrank für Joghurt und Co. aufgestellt werden.

Lars Gemeinhardt: "Bisher bleibt nichts übrig, Ziel ist die Balance von Kosten und Einnahmen. Uns geht es auch nicht darum, damit etwas im sozialen Bereich zu tun. Wir wollen ein Zeichen setzen und einen Anfang machen." Die Kunden haben das offenbar verstanden. Derzeit ist die Nachfrage größer als Angebot, sagt Marlen Preßler: "Deshalb suchen wir weitere Kooperationspartner, die unsere Idee mittragen und uns Ware zur Verfügung stellen."

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