Goldenes Buch: Zwei Orte schlagen ein neues Kapitel auf

Fast drei Jahre nach der Städtefusion sind die Ehrenbücher von Reichenbach und Mylau geschlossen. Wer sich ins neue eintragen darf, ist nun nicht mehr dem Zufall überlassen. Die alten Bücher sind indes Geschichte - mit ihren Geheimnissen.

Reichenbach.

Ob DJ Ötzi bei seinem Gastspiel zum Tag der Sachsen 2007 wirklich seinen Eintrag verdient hat, bleibt eine Geschmacksfrage. Künftig sind Ehrungen wie die des Popsängers in dieser Form aber wohl ausgeschlossen: Fast drei Jahre nach der Fusion von Reichenbach und Mylau zur Stadt Reichenbach im Vogtland gibt es ein Goldenes Buch für beide Ortsteile. Den Eintrag in das neue Ehrenbuch bestimmen Kriterien in einer Ende 2017 erlassenen Satzung. "Wer sich einträgt, das soll nicht mehr beliebig sein", sagt OB Raphael Kürzinger (CDU).

Künftig tragen sich in das Goldene Buch nur noch "Ehrenbürger, Träger der Neuberin-Medaille, Empfänger des Bürgerpreises sowie bedeutende Gäste der Stadt" ein. Das letzte Wort hat dabei der Oberbürgermeister. "So ein Buch, das ist auch ein Nachweis, wie die Stadt mit verdienten Bürgern umgeht", sagt Raphael Kürzinger. In eine solche Reihe gehöre nicht zwangsläufig jeder bekannte Gast. Im alten Mylauer wie im alten Reichenbacher Buch war dieses Prinzip jedoch nicht immer erkennbar. Um jedoch auch den Besuch von nicht für den Eintrag ins Goldene Buch infrage kommenden prominenten Gästen zu dokumentieren, liegt jetzt zudem ein noch jungfräuliches Gästebuch aus.

Die Initiative für ein Exemplar für beide Ortsteile war aus dem Stadtrat gekommen. Seit Kurzem lagern die in der Buchbinderei Weith in Zwickau gefertigten Bücher griffbereit im Reichenbacher Stadtarchiv. Dort verwahrt die Stadt auch das jetzt für immer geschlossene Goldene Buch. Das von Mylau ist wie bisher Exponat einer Ausstellung auf der Burg und kann dort in einer Vitrine bestaunt werden.

Der letzte Eintrag ins Mylauer "Fremdenbuch" datiert vom 3. Dezember 2015 - dem Tag der letzten Stadtratssitzung - und enthält die Unterschriften aller Stadträte. Eröffnet worden war das vom Schlossbauverein angelegte Buch im Jahr 1894. Ein halbes Jahrhundert später war es offenbar in Vergessenheit geraten. Zwischen 1943 und 1984 finden sich keine Einträge. Warum - darauf hat mit Marion Igl auch die Leiterin des Reichenbacher Stadtarchivs keine Antwort. Erst anlässlich eines Besuchs von Heinrich Dathe - des in Reichenbach geborenen Zoologen von Weltruf - am 29. Februar lag das in einem braunen Ledereinband steckende und mit Holzdeckel versehene Buch wieder aus. Zu den so Geehrten gehören zudem etwa der sächsische König Friedrich August, Kunstmalerin Elfriede Mäckel oder Schauspieler Rolf Hoppe. "Gerade das Mylauer Buch ist vom Charakter her aber eher ein Gästebuch", sagt Marion Igl. So findet sich unter zahlreichen ähnlichen Einträgen auch einer vom 23. Juli 1900. Zu Gast war an jenem Tag der Dresdner Architekt und Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt. Der Mann ist Großvater des gleichnamigen Kunstsammlers, der jüngst im Rahmen des "Schwabinger Kunstfunds" für Schlagzeilen gesorgt hatte. Was Opa Gurlitt in Mylau zu tun hatte, das bleibt ebenso ein Geheimnis wie die weißen Flecken im Reichenbacher Buch.

Im 1941 von der Firma Carl Werner angefertigten Unikat datiert der erste Eintrag vom 24. September 1978: Verewigt haben sich die Kosmonauten Sigmund Jähn und Waleri Bykowski - beschlossen auf einer Sondersitzung des Rates der Stadt. Und davor? Marion Igl ist nur der Eintrag des Chefs des NS-Reichssinfonieorchesters Franz Adam vom 1. September 1941 bekannt. Mehr gibt die Aktenlage nicht her. "Es ist aber sicher, dass es in der NS-Zeit weitere Einträge gab. Die wurden nach dem Krieg entfernt. Einwohner hatten OB Georgi aufgefordert, alle Einträge aus der Nazizeit zu entfernen." Wie die Archivarin herausgefunden hat, wurden zwei Seiten aus dem Buch getrennt. Was mit ihnen geschah, ist nicht aktenkundig.

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