"Habe Mut, mein Kind!"

Wie kann man einem Kind den Hass erklären, der in Sachsen hochkocht? Die SPD-Landtagsabgeordnete Juliane Pfeil-Zabel versucht es. Sie erntet dafür nicht nur Anerkennung.

Plauen.

Nicht jeder findet Juliane Pfeil-Zabels Idee gut. Aber das ist der SPD-Landtagsabgeordneten aus Plauen schon vorher klar gewesen. Sie hat es trotzdem getan. "Es hat mich einfach umgetrieben", sagt Pfeil-Zabel. "All der Hass, der in der politischen Diskussion bei vielen Leuten hochkocht. Mein 13-jähriger Sohn hat mich gefragt, warum das so ist. Ich wollte zumindest versuchen, ihm zu antworten." Sie hat im sozialen Netzwerk Facebook deshalb einen Brief an ihren Sohn veröffentlich, in dem sie versucht, Hoffnung zu spenden. Ihm, anderen Menschen - und vermutlich auch sich selbst. "Ich wünsche ihm, in einem Land aufzuwachsen, welches nicht diese groteske Maske voller Hass und Gewalt trägt", schreibt sie. Und sie fährt fort: "Was in den letzten Tagen in Sachsen geschehen ist, welchen Hass Menschen aufeinander entwickelt haben, macht mich betroffen. Es macht mich so wütend, meinem Sohn nicht mehr in die Augen sehen zu können und ihm versichern zu können, dass seine Heimat, dass Sachsen, ein Ort ist, wo Akzeptanz, Anstand und Menschlichkeit für alle Menschen eine Selbstverständlichkeit ist."

Im zweiten Teil muss Pfeil-Zabel einräumen, dass auch sie nicht in der Lage ist, das Unerklärbare zu erklären. Sie schreibt: "Wie erkläre ich einem 13-Jährigen, warum es Menschen in Sachsen gibt, die ,Wir sind das Volk' rufen und dabei den Hitlergruß zeigen? Wie erkläre ich ihm, dass Geflüchtete als ,menschlicher Abschaum' bezeichnet werden?"

Auch Verunglimpfungen gegen sie selbst verschweigt Juliane Pfeil-Zabel nicht: "Wie erkläre ich ihm, dass seine Mutter 'Volksverräterin' genannt wird, wenn sie sich öffentlich darüber Sorgen macht, dass die Stimmung in der Gesellschaft kippt? Wie erkläre ich ihm, dass ich Angst habe, durch meine politische Arbeit auch ihn und seine Schwester in Gefahr zu bringen?"

Am Ende räumt sie ein: "Mein lieber Sohn, ich werde Dir keine Erklärung geben können, die Dich nicht daran zweifeln lässt, dass es erstrebenswert ist, hier zu leben. Ich kann nur eines: Ich kann Dir versprechen, dass es anständige Menschen in Sachsen gibt, die nicht nur zuschauen und schweigen. Ich kann Dir versprechen, dass es viele sind. Es ist ihr Anliegen, dass Du in einem Land aufwachsen kannst, welches nicht diese groteske Maske voller Hass und Gewalt trägt. Habe Mut, mein Kind." Mittlerweile hat sie viele Reaktionen auf ihre Veröffentlichung erhalten. Beschimpfungen waren darunter - was als Bestätigung für jene Befürchtungen gewertet werden kann, über die Pfeil-Zabel schreibt. Doch sie erntet nicht nur Hass. Pfeil-Zabel: "Ich habe ganz viele positive Reaktionen erhalten."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...