Ibug-Halbzeit ohne Halbzeitpause

Am alten Bahnbetriebswerk ist zwischen den Wochenenden richtig was los. Zu den Führungsgästen gehörten jetzt kunstinteressierte Weinhold-Schüler.

Reichenbach.

Wenn Andrea Domke die Reichenbacher Ibug-Sensation in Augenschein nimmt, denkt sie immer auch die historische Dimension mit: "Bahnbetriebswerk, Bahnhof und Wettiner Hof, dieses Dreieck hatte ja einst für Reichenbach eine enorme Bedeutung", erzählt die Kunstlehrerin der Weinhold-Oberschule, während sie mit ihren Zehntklässlern zwischen den Mauern der zu neuem Leben erwachten Industriebrache unterwegs ist. Auf Schritt und Tritt ihrer Führung mit einem der Ibug-Leute begegnen die Schüler anderen, meist mit fotobereiten Handys bewaffneten Gruppen - das Festival macht zwischen den Veranstaltungs-Wochenenden keine Pause. "So um die acht Führungen sind es täglich", sagt Christin Haupt vom Organisations-Team.

Das in den 1990er-Jahren ausrangierte, jetzt ins kollektive Bewusstsein farbenfroh zurückkatapultierte Kapitel Reichenbacher Bahn- und Stadtgeschichte inspirierte am gestrigen Mittwoch auch die Mitarbeiter der Wohnungsbaugesellschaft Woba. "Ich kann mich trotz mehrfacher Besuche einfach nicht sattsehen", beschreibt Woba-Chefin Daniela Raschpichler ihre Eindrücke vom kontrastreichen Zusammenspiel der Ibug-Kunst mit den morbiden Charme atmenden Bauten eines vergessen geglaubten Zeitalters.

Am Funktionieren des Festivals hat auch die Woba Anteil. Stellt das Unternehmen doch Wohnungen für das Ibug-Personal zur Verfügung. "Außerdem sind wir das Postfrachtzentrum der Ibug, da das Betriebswerk ja keine Adresse hat", erzählt die Woba-Chefin etwa von palettenweise angelieferten Spraydosen. "Es ist der Hammer, was hier entstanden ist und wie es auf uns wirkt. Hut ab auch vor den Helfern, die tolle Arbeit beim Rohbau geleistet haben."

Während ein Zug auf den nahen, hinter dichtem Grün verborgenen Gleisen für den passenden Ibug-Sound sorgt, gibt sich ein Lehrer der Helmholtz-Oberschule Leipzig als Ibug-Fan zu erkennen. "Wir waren schon gestern mit Schülern hier, toll", sagt der Pädagoge und mahnt vor der nächsten Führung lautstark an: "Wenn ihr Fotos macht, bitte bedient damit nicht nur eure Story auf Instagram." Dann teilt er mit "Wissenscheck" überschriebene Arbeitsbögen mit Verständnisfragen aus: Was ist eine Industriebrache? Was war hier früher einmal? Sind die Arbeiten legal oder illegal entstanden? Dann geht's auf Tour. Der Lehrer bittet um Aufmerksamkeit und sagt beim Weggehen: "Die Ibug gehört einfach in den Kunstunterricht."

Auch in den von Andrea Domke. "Wenn wir so etwas Tolles schon mal hier haben. Die Schüler müssen das alles kennenlernen, es aufsaugen. Sie sind es, die später mit entscheiden, was aus ihrer Stadt wird." Vielleicht auch aus dem einstigen Bahnhofs-Hotel "Wettiner Hof". Die Zehntklässler haben dem brachliegenden Bau nach dem anregungsreichen Ibug-Unterricht einen Besuch abgestattet und erarbeiten nun Entwürfe, wie sich die einst beeindruckende Fassade des Hauses attraktiv gestalten ließe. Die Ergebnisse dieser Identität mit ihrer Stadt stiftenden Arbeit sollen im Format A2 öffentlich gezeigt werden - voraussichtlich im Rathausfoyer und im Neuberin-Museum.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...