Insel wird zur Bühne im Machtgerangel

Mit Shakespeares Schauspiel "Der Sturm" ist der 29. Greizer Theaterherbst eröffnet worden. Das "Theater in Bewegung" erhält am Mittwoch einen Preis.

Greiz.

Es bleibt in der Euphorie der Mächtigen, die sich zur großen Hochzeit zweier Reiche nach Neapel trollen, unausgesprochen: Doch am Ende von Shakespeares "Der Sturm", inszeniert von Ulrich Schwarz aus Dresden, mit dem am Freitag der 29. Greizer Theaterherbst eröffnet wurde, hat Caliban - der Wilde, das Monster, der Sklave - seine Freiheit und seine Insel zurück.

Aber der Reihe nach: Ein Sturm mit Blitz, Donner und Nebel lässt ein Schiff am Elsterufer, sprich an der Insel stranden, die sich mit ihren Bergen und Höhlen an den Treppen im Greizer Schlossgarten erhebt. Luftgeist Ariel (Hanna Groß, zart, fast schwebend) hat das Unwetter auf Geheiß von Prospero (Jörg Flessa, ebenso kraftvoll wie manipulativ) entfacht, der vor zwölf Jahren als Herzog von Mailand gestürzt und mit seiner Tochter Miranda (Sarah Brandt) auf die Insel verschlagen wurde. Dort befreite er Ariel, der von der Hexe Sycorax einst in einen Baumstamm gesperrt worden war, weshalb er der Luftgeist ihm fortan dienstbar sein musste. Und er unterjochte Caliban (Marko Nachsel), den Sohn der toten Hexe. Das Schiff, dass Prospero nun stranden ließ, macht den Weg für seine Abrechnung frei. Denn mit Alonsa, der Königin von Neapel (Ute Riemenschneider), ihrem Bruder Sebastian und Prosperos Schwester Antonia, allesamt mit Mafia-Sonnenbrillen, hat es das Trio an Bord, das einst die Intrige gegen ihn spann. Mit dabei sind auch noch die alte Ratgeberin Gonsala (Sabine Petri) und Prinz Ferdinand (Robert Riedel), den die Königin verzweifelt auf dem Eiland sucht: "Fääärdinand...!"

Der Prinz trifft derweil auf Miranda, verliebt sich flugs in sie - und sie in ihn. Was Prospero für seinen Plan dann doch zu flott geht. "Allzu leichtes Geschäft verdirbt die Preise", hält er fest. Deshalb lässt der Ferdinand erst einmal 1000 Holzscheite aufstapeln, was dieser gern erledigt und "Ich und mein Holz" singt. Unterdessen funkt Ariel dazwischen, als Sebastian und Antonia aus Machtgier die Königin und ihre Ratgeberin im Schlafe erschlagen wollen, und ebenso, als Caliban den betrunkenen Butler Stephano (Christoph Blage, wunderbar torkelig mit "Wenn ich'n Räuber wär" auf den Lippen) und Hofnarr Trinculo (Robert Riedel in seiner zweiten Rolle) anstiften will, seinen Peiniger Prospero zu ermorden. In einem wütenden Monolog wirft Caliban den Herrschern vor: "Ihr seid die Monster! Wir wissen, was ihr geklaut habt!" Prospero habe ihn mit Tricks um seine Insel gebracht. Doch statt Attentat und Revolution geben sich Stephano und Trinculo mit billigen neuen Kleidern zufrieden.

Im Finale verwirft Prospero seine Rachegedanken, bricht mit der Zauberei und gibt Ariel frei. Denn sein Plan geht auf: Er wird wieder Herzog von Mailand und durch die Heirat seiner Tochter mächtiger als zuvor. Das ist der rechte Preis für das Geschäft. Was ist schon Liebe?!

Das Insel-Idyll entpuppt sich so als Bühne für Machtgerangel, Gewalt, Rebellion und Verschwörung. Anders ist die Welt auch heute nicht, mag man denken. Und wie lange Caliban seine neue Freiheit genießen konnte, mag man lieber nicht erst fragen.

Gespielt wurde ohne Mikrofone, ganz auf die eigene Stimme vertrauend. Für die frische, pointierte Aufführung gab es viel Applaus vom wegen Corona limitierten Publikum und Spenden in den Hut auf den Schlossgartenstufen.

Der Thüringer Theaterpreis 2020 wird in der Kategorie: Theaterförderpreis als "Theater in Bewegung" am morgigen Mittwoch, 12 Uhr im Goethepark Greiz an den Verein Greizer Theaterherbst verliehen. Er ist mit 1000 Euro dotiert. Bis 20. September bietet der 29. Greizer Theaterherbst unter dem Motto "Unbezahlbar" noch viele Aufführungen und Gastspiele.

theaterherbst.de

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