Kampf ist verloren: Kleingärtner lösen die Sparte Prießnitz auf

Die Anlage an der Ernst-Thälmann-Straße in Mylau wird es bald nicht mehr geben. Wegen hohen Leerstands werfen die Schrebergärtner das Handtuch. Die Folgen empfinden sie als Katastrophe.

Mylau.

Nach knapp 130 Jahren endet die Geschichte einer der ältesten Kleingartenanlagen des nördlichen Vogtlandes mit der Selbstauflösung. Der Vorstand der Sparte Prießnitz hat sich Mittwochabend gemeinsam mit Tommy Brumm, dem Vorsitzenden des Regionalverbands Göltzschtal der Kleingärtner, getroffen, um diesen Schritt in die Wege zu leiten. Im Frühjahr soll es einen Mitgliederbeschluss geben. Dann bleiben noch etwa zwei Jahre, um den Verein abzuwickeln. Das Pachtland geht zurück an den Eigentümer: die Stadt Reichenbach. Prießnitz ist der dritte Verein im Einzugsbereich des Göltzschtal-Verbandes und der erste in Reichenbach, der sich selbst auflöst. 28 Kleingartenanlagen gibt es in Reichenbach.

Für die Senioren ist dies eine Katastrophe. Sie sind nach dem Bundeskleingartengesetz verpflichtet, alle baulichen Anlagen abzureißen. Für die betagten Damen und Herren ist das weder finanziell noch körperlich zu bewältigen. Sie zeigten jedoch guten Willen und räumten acht Parzellen komplett, vier teilweise. Zumindest die finanzielle Last konnte vorgestern Tommy Brumm den Kleingärtnern nehmen. Seit diesem Jahr sammelt die Stadt Reichenbach über fünf Jahre Pachtgelder aus Kleingartenanlagen, um sie für die Vereine bereitzustellen. 27.000 Euro stehen ab dem nächsten Jahr zur Verfügung. Brumm: "Das Geld verwenden wir für den Rückbau und setzen es dort ein, wo es am nötigsten gebraucht wird." Im Rathaus will man die Kleingärtner aus Mylau nicht hängen lassen. "Die Stadt Reichenbach wird sie unterstützen", kündigte Pressesprecherin Heike Keßler an. Offenbar ist man sich auch bewusst, dass Prießnitz wohl nicht die letzte Sparte sein wird, die aufgeben muss. "Über den Winter wollen wir eine Entwicklungskonzeption für Kleingärten erstellen", kündigt sie an. "Einer der Punkte wird dann auch eine Nachnutzung der Flächen sein."

Für die Mitglieder der Sparte Prießnitz ist das ein schwacher Trost. Die Kleingärtner hatten sich gegen das langsame Sterben jahrelang gewehrt. Sie entwickelten viele Strategien: Für die Kleingärtner wäre die Renaturierung und die Anlage einer Streuobstwiese ein gangbarer Weg gewesen, eine sinnvolle Nachnutzung herbeizuführen. Doch dafür wäre die Unterstützung der Stadt Mylau und jetzt der Stadt Reichenbach notwendig gewesen. Diese hätte Fördergelder beantragen müssen - hat sie aber nicht.

Für die verbliebenen 16 Kleingärtner ist das schmerzlich: "Das tut uns allen sehr weh", so Beate Kosky, die Schatzmeisterin des Vereins. "Ich kann mir ein Leben ohne Kleingarten gar nicht vorstellen. Ich bin praktisch seit meiner Geburt hier." Dass sich die Natur die Anlage nicht schon längst zurückgeholt hat, ist dem Enthusiasmus der letzten von einstmals 43 Kleingärtnern zu verdanken. Der Vorsitzende Wolf-Dieter Seifert: "Alle bewirtschaften inzwischen mehrere Parzellen. Das reicht von einer zusätzlichen halben Parzelle bis hin zu vier weiteren Gärten." Somit seien 23 der noch vorhandenen 30 Parzellen bewirtschaftet. Sieben Parzellen gingen 2004 zurück an die Stadt. Diese verkaufte die Flächen an private Hausbesitzer.

Der Leerstand ist nicht zu übersehen. Die Vereinsmitglieder, deren Altersdurchschnitt bei 70 Jahren liegt, schaffen es nicht mehr, die Flächen ausreichend zu pflegen. Beate Kosky: "Es macht keinen Sinn mehr, etwas anzubauen. Durch die leeren Gärten um uns herum fühlen sich die Mäuse wohl, vermehren sich und fressen unsere ganzen Pflanzen ab." Ein Plan bestand darin, den oberen, am steilen Hang gelegenen Teil der Anlage allmählich leer zu ziehen und nur noch die Gärten im unteren Bereich zu bewirtschaften. Seifert: "Nach kurzer Zeit hatten wir unten genauso Lücken wie oben."

Dabei hat der steile Hang seinen Reiz. Keiner weiß das besser als Wolfgang Stöhr. Von seiner Terrasse aus hat er den schönsten Blick über Mylau. Die Schattenseiten erschließen sich genauso schnell. Nur zu Fuß und mit dem Schubkarren sind die meisten Gärten zu erreichen. Eine Zufahrt von der Obermylauer Seite ist durch die angrenzende Feldbewirtschaftung schon seit Jahren nicht mehr möglich.

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