Kostbare Momente des Innehaltens

Julia Domke und Christian Wegler ehren in Mylau den verdienstvollen Reichenbacher Kirchenmusiker Walther Böhme.

Mylau.

Der Heimatregion weiter treu verbunden bleiben, zeichnet Vogtländer aus. Da läuft ihnen so schnell niemand den Rang ab. Die 1989 in Reichenbach geborene Sopranistin Julia Domke - nach ihrem 2013 in Dresden abgeschlossenen Studium Gast renommierter Opernhäuser und Orchester - macht da keine Ausnahme. Jüngstes Beispiel für ihre berührende "Bodenhaftung" war die Matinee, die sie gestern zusammen mit Kantor Christian Wegler in der Mylauer Stadtkirche gab.

Dabei erwies die Künstlerin Reichenbach, wo sie mit zehn Jahren ihren ersten Gesangsunterricht erhielt, eine besondere Reverenz. Eigens für den Anlass hatte sie Walther Böhmes Vertonung von Paul Gerhardts "Ich steh an deiner Krippen hier" einstudiert. Böhme war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der führende Kirchenmusiker in der Neuberinstadt und deutschlandweit bekannt. Die gut 70 Besucher bekamen eine fein abgewogene Interpretation seines Liedes zu hören, das von einer weit ausschwingenden Melodie und schönen Momenten des Innehaltens gekennzeichnet ist. Da wurden traumhaft sicher alle Klippen umschifft, gab es weder zu viel noch zu wenig Gefühl oder Freiheit in Sachen Tempo.

Ähnlich Gutes lässt sich über die anderen Punkte des Programms sagen. Bei Proben aus Johann Adolf Hasses Marien-Lobgesang "Salve Regina" wartete Domke mit sicheren, voluminösen Höhen und unter die Haut gehendem Ausdruck auf; in Volksliedern wie "Kindelein zart" oder "Maria durch den Dornwald ging" fand die Wahl-Dresdnerin schlichtere, leicht und gern auch leise fließende Töne. Vor allem aber zeigte die Matinee: Da stand jemand auf der Empore, bei dem es von einem hohen Level aus weiter nach oben geht. Verglichen mit früheren Auftritten - etwa 2017 im Weihnachtskonzert des Reichenbacher Frauenchors - waren weitere Fortschritte in Sachen Textverständlichkeit und Gestaltungskraft festzustellen. Und ihre Stimme ist offenbar dabei, eine eigene, hell und dunkel gut mischende Färbung anzunehmen.

Christian Wegler hatte an der Silbermannorgel seinen gewichtigen Anteil am Gelingen, begleitete mit feinem Gefühl für die mutigen Wege, die die Solistin einschlug. Und auch seine Soli hatten es in sich. Glasklar und erfüllt von rasanter Dynamik erklangen Choralvorspiele von Johann Sebastian Bach und Johann Pachelbel. Eine kräftige Prise Humor und Eigensinn kam Kompositionen der Zeitgenossen Paul Eberhard Kreisel und Theo Wegmann zugute.

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