Kunsthalle holt mit neuer Schau die Straße ins Neuberinhaus

Die Fotografien von Gino Dambrowski zeigen persönliche Eindrücke einer Subkultur. Eine Gratwanderung zwischen Sachbeschädigung und Kunst.

Reichenbach.

Die neue Ausstellung im Neuberinhaus hat schon für Kritik gesorgt, da war sie noch gar nicht eröffnet. Das hat der Vereinschef der Fördervereins Kunsthalle Vogtland, Severin Zähringer, bei der Ausstellungseröffnung am Freitagabend gesagt.

Die neue Schau im Saalfoyer trägt den Titel "in progress", also "in Bearbeitung", vielleicht auch "im Fluss" oder im Gange und vereint Fotografien von Gino Dambrowski. Der gebürtige Geraer hat Menschen begleitet, die man im Volksmund Sprayer nennt, nachts, vermummt, auf mehr oder weniger legalen Pfaden, unterwegs im sogenannten urbanen Raum, also auf städtischem Gebiet. "Wir haben mit dieser Street-Art-Ausstellung die klassischen Pfade verlassen und die Straße ins Neuberinhaus geholt", fasste der künstlerische Leiter des Vereins, Frank Lorenz, zusammen.


Die Frage "Was ist Kunst?" stellt sich sowohl bei den Motiven als auch bei den Fotos. Severin Zähringer warf sie in seiner Eröffnungsrede in den Raum und suchte Antworten, ohne die omnipräsente Lösung zu finden. "Für mich hat Kunst immer mit Idee und Gefühl zu tun. Kunst muss nicht dekorativ sein. Sie darf stören", so Zähringer. Zugleich erteilte er dem oft geäußerten "das kann ich auch" eine Absage. Er erwähnte die 2014 verstorbene Elaine Sturtevant, die einem Schatten ähnlich die amerikanische Kunstszene aufmischte, indem sie Werken berühmter Künstler wie Andy Warhol ihren eigenen Stil aufdrückte. Ob die Fotos von Dambrowski Kunst sind, ist dem Betrachter überlassen. Dafür spricht nach Aussage des Vereinschefs: "Die Fotos sind zum Teil abstrakt, sehr pointiert, einzigartig, sie leben vom Moment und geben persönliche Eindrücke einer Subkultur wider." Aufgrund der nächtlichen Lichtverhältnisse, die oft mehr verbergen, als sie zeigen, regen sie die Fantasie an und schreien quasi nach Erklärung. Dagegen ist zu sagen: Die Fotografien zeigen, wie Kunst entsteht. Der kreative Prozess wird nur teilweise abgebildet, an manchen Stellen unscharf und pixelig und extrem interpretationsfähig. Eine weitere Frage drängte sich auf: die nach der Legalität des nächtlichen Treibens. "Man muss schon unterscheiden. Natürlich gibt es Schmierereien, die einfach Sachbeschädigung sind. Aber warum müssen öffentliche Gebäude einfarbig gelb oder ein Güterwaggon schmucklos braun sein? Wer legt das fest? Was wäre, wenn Gerhard Richter ein Bild an ein Haus kritzelte? Wäre es plötzlich Millionen wert?", fragte Frank Lorenz und gestand: "Ich habe keine Antwort, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken." Zu den Kritiken im Vorfeld meinte er: "Die Leute haben nur die beiden Großaufnahmen gesehen. Und Schwarz-Weiß-Bilder erscheinen nun mal eher düster und vielleicht ein wenig unheimlich."

Bei der Vernissage sind Kunsthallenfreunde und Mitarbeiter des Neubeinhauses ungewöhnliche Wege gegangen. Im Saalfoyer herrschte eine ähnliche Dunkelheit, wie sie Sprayer auf ihren nächtlichen Streifzügen erleben. Vor dem Saal flackerte ein Licht, das an kaputte Neonröhren in einer verlassenen Industriehalle erinnerte. Die Besucher zögerten beim Betreten des Foyers, wo der Hip-Hopper "Das Ding ausm Sumpf" bereits wartete.

Sein Auftritt war ein eigenständiges Kunstwerk, ähnlich einem Stegreiftheater. Die sehr aktuellen Texte drehten sich vor allem um Reichenbach. Es dauerte nicht lange und das Publikum zwischen 20 und 80+ wippte und sang mit. "Das ist eine Ausdrucksform, die aneckt, etwas, das zwischen den Stühlen steht, auch Schaden anrichtet", sagte er zu den Motiven auf den Fotos und gab der Diskussion damit Zündstoff.

Den Bogen zwischen Ausstellung und dem aktuellen Geschehen auf dem Areal des alten Bahnbetriebswerks spannte Thomas Dietze, Projektleiter des Ibug-Festivals. Er schwärmte vom Street-Art-Projekt, dessen erste Ergebnisse am Wochenende bestaunt werden können.

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