Kunstrasen: "Es gibt im Moment keine befriedigende Alternative"

Umdenken gefragt: Architekt Thomas Geigenmüller hat in 30 Jahren zahlreiche Sportstätten im Vogtland geplant

Kunststoff, Granulate, Kork oder Hybrid-Rasen: Die aktuelle Debatte verunsichert Auftraggeber bei der Wahl des Kunstrasens. Thomas Geigenmüller plant den letzten Platz mit Kunststoff-Granulat-Füllung. 2020 macht er Schluss. Warum, das erklärt er Nicole Jähn.

Freie Presse: Herr Geigenmüller, warum wollen Sie vor einem Verbot auf den Einsatz von Kunststoffgranulaten verzichten?


Thomas Geigenmüller: Wir haben die Debatte verfolgt und es scheint klar, dass die Zeit für Plätze mit Kunststoffgranulaten abläuft. Heute werden Naturbelange stärker bewertet. Bauherren sind sehr in Sorge, dass der schlimmste Fall eintreten könnte und die Anlagen ab 2022 nicht mehr benutzt werden dürfen. In der Fachwelt bewerten wir das als wirtschaftlichen Supergau für die Kommunen und Vereine. Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt und auf Übergangsfristen an der Verschleißzeit von knapp 15 Jahren.

Könnten bestehende Plätze von Kunststoffgranulat auf Sand umgerüstet werden?

Das ist prinzipiell machbar, aber aufwendig und teuer. Es müsste mit speziellen Maschinen abgesaugt werden. Allerdings ist es nicht möglich, das gesamte Granulat zu entfernen. Etwa zehn Prozent verbleiben im Rasen und könnten weiterhin in die Umwelt geraten.

Sie teilen also die Bedenken?

Plätze, die einen direkten Regenablauf ins Abwassernetz haben, sind durchaus kritisch zu bewerten. Dort spült es ganz sicher auch Plastikteilchen ins Abwassersystem. Entwässerungssysteme mit geeigneten Filteranlagen und Wartungszyklen könnten das Problem entschärfen. Wo es die Topografie zulässt, verzichten wir auf Entwässerungsrinnen und ordnen außen Mulden zur Versickerung an. Granulate können dort vom Nutzer abgesaugt oder mit Besen wieder auf den Kunstrasen aufgetragen werden.

Klingenthal ließ für einen neuen Platz einen Kunststoffbelag verlegen, der mit Sand gefüllt ist. Sind die Plätze eine Alternative?

Die erste Generation der Kunstrasenplätze hatte Anfang der neunziger Jahre Sandfüllungen. So startete die Entwicklung. Im Vogtland weihten wir den ersten mit Sand gefüllten Kunstrasenplatz 1990 in Falkenstein am Stadion ein. Die Gleitwirkung ist aber schlechter und die Verletzungsgefahr bei Stürzen ähnlich hoch wie auf einem Hartplatz. Gelenke werden wenig geschont. Über diese Überlegungen führte die Entwicklung zu Füllungen mit Gummigranulaten. Die Granulate haben ja durchaus einen sportfunktionellen Wert, auch wenn sie aus anderen Gründen heute umstritten sind.

Wie sehen Kunstrasen der neuen Generation aus?

Seit knapp drei Jahren sind Vollkunstrasen mit einem engeren Faserabstand auf dem Markt, die nur mit wenig Sand aufgefüllt werden. Klingenthal ist dafür ein Beispiel. Der Spieler steht mit seinem Stollenschuh direkt auf der Faser, die Gelenke werden besser geschont. Um ein gutes Gleitgefühl zu erreichen, müssen im Idealfall Beregnungsanlagen her. Damit ergibt sich wieder das Brauchwasserproblem. Solche Plätze sind so lange gut, bis eine nächste Studie anderes erkennt.

Nämlich?

In den Plätzen ist durch die höhere Dichte noch mehr Kunststoff verbaut und sie nutzen sich ab. Wenn wir neue Flächen verlegen, sind sie 40 Millimeter hoch. Nach 15 Jahren stehen sie nur noch bei 15 Millimeter. Irgendwo ist das Material also hin - Stichwort Mikroplastik. Das ist sicher nicht gut. Man sollte aber die Verhältnisse wahren: Die Belastung der Umwelt durch den Abrieb von Autoreifen ist weit höher als durch Kunstrasen.

Plauen denkt für einen Platz in der Ostvorstadt an eine Korkfüllung. Die bessere Alternative?

Das weiß ich nicht. Kork hört sich im ersten Moment gut an, weil man an nachwachsende Rohstoffe denkt. Tatsächlich gibt es nur wenige Anbaugebiete in Spanien und Portugal. Hierzulande hat man das Problem, dass das Korkgranulat bei Feuchtigkeit schimmeln, bei Starkregen weggeschwemmt werden kann. Der Pflegeaufwand ist höher als bei Kunststoffgranulaten. Letztlich wird sich der Kork auch zersetzen.

Führt der Weg dann nicht zwangsläufig wieder zum Gras?

Aktuell gibt es keine befriedigende Alternative zu Kunstrasenflächen, wenn man die Nutzungszeit bedenkt. Bei Rasenflächen ist man an die Vegetationszeiten gebunden und kann den Platz höchstens 20 Stunden die Woche nutzen. Kunstrasen bis zu 45 Stunden. Die Forschung entwickelt im Moment Hybrid-Rasen-Systeme. Kunstrasen wird mit Erde gefüllt und darauf Rasen gesät. Das halte ich aber für ein problematisches Mischprodukt. Dann befindet sich wirklich Plastik im Boden und kann nicht so leicht getrennt werden.

Ist die Entsorgung von ausgedientem Kunstrasen nicht auch heute schon ein Problem?

Momentan kommen sie in die thermische Verwertung. In Betonwerken oder Müllkraftwerken werden sie verbrannt und dienen der Energiegewinnung. Da das nicht der letzte Schluss sein kann, dachte man zuletzt daran, Altflächen zu schreddern und zu neuem Granulat zu verwerten. Das sollte sich mit der aktuellen Diskussion erledigt haben.

Sehen Sie einen Kompromiss?

Ich hoffe, dass vor einem generellen Granulate-Verbot als erster Schritt den "schwarzen Granulaten" die Zulassung entzogen wird, denn die bestehen aus geschredderten Altreifen. Das Risiko der Weichmacher ist hinlänglich bekannt. Unser Büro hat diese Granulate nie für Sportanlagen verwendet oder empfohlen. Trotzdem forderten Auftraggeber auch von uns den Einbau dieser Granulate, um Kosten zu sparen. Sie kamen auch im Vogtland zum Einsatz.

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