Leseratten erobern das Vogtland - Bücherzellen liegen im Trend

Ein Wälzer rein, ein Wälzer raus - so das Grundprinzip. Doch in manchen Orten geht der Bücherklau um. Nicht so in Reichenbach. Da wird der Lesestoff sogar mehr.

Plauen/Reichenbach.

Die alten Damen, die öfter auf der Bank neben "Alice's Bücherkiste" an der Plauener Bahnhofstraße/Ecke Gottschaldstraße sitzen, wissen Bescheid. Sie haben gesehen, wie jemand beutelweise Lesestoff aus der Zelle geholt hat. Das erzählt die Initiatorin des roten Bücherschranks, Nicole Döhling. "Inzwischen stempeln wir unsere Bücher ab", sagt sie. Das scheine aber niemanden davon abzuhalten, sich großzügiger zu bedienen als das Prinzip vorsieht: Nimm ein Buch, gib ein Buch. Ganz leer sei die Zelle, die seit über drei Jahren dort steht, aber noch nie gewesen, erklärt Döhling. Im Vorjahr hatte die Mini-Tauschbörse mit Vandalismus zu kämpfen: Unbekannte zerstörten Glasscheiben und zündeten Bücher an. Auch Wildpinkler trieben in der Zelle manchmal ihr Unwesen, so Döhling.

Auch an der Pöhl steht eine Buchstation, die im früheren Leben eine Telefonzelle war. Allerdings ist sie inzwischen vom Wanderweg näher an die Kletterwald-Kasse gerückt. Wie Kletterwald-Betreiber Jörg Böhm erzählt, haben auch hier einige Besucher mehr Bücher herausgenommen als reingestellt. "Von der Kasse aus haben wir das besser im Blick", so Böhm.

Dass mehr Lesestoff weggetragen als auf die Regale gestapelt wird, kennt auch Heidrun Bauer: Die Schmöker-Zelle an der Syrauer Drachenhöhle ist ebenfalls beliebt. Für die Nutzer, die ein Buch oder mehr mitnehmen und keins reinstellen, hat Bauer eine Erklärung: "Viele sind Tagesbesucher, die haben keine gebrauchten Bücher in der Tasche." Aber es komme auch vor, dass sie ganze Kartons mit Büchern am Häuschen vorfinde. In Syrau wird der Lese-Schrank abends ab- und morgens wieder aufgeschlossen, sodass er zu den Öffnungszeiten der Drachenhöhle mit Schmökerfutter lockt. Bauer: "Es hat noch nie jemand etwas daran kaputt gemacht."

Von Vandalismus blieb bislang auch die fünf Reichenbacher Bücherzellen verschont. Ansonsten ist dort aber offenbar alles anders, als im Rest des Vogtlands. "Wir müssen regelmäßig kontrollieren, dass sie nicht überquellen", sagt Stadtsprecherin Heike Keßler. Ein Buch raus, fünf Bücher rein - so läuft es zumindest in der Bücherzelle im Ortsteil Brunn. Allerdings sind die Schmöker nicht immer in dem Zustand, den man gerne hätte. "Neulich waren einige Bücher sogar feucht", sagt Keßler. Doch alles in allem sei man bislang sehr zufrieden, wie die Bevölkerung das neue Angebot nutzt. "Wir suchen allerdings nach wie vor Paten, die dort etwas nach dem Rechten sehen."

Kaputt machen und klauen dürfte schwierig sein in Lars Buchmanns neuer Gruppe im Online-Netzwerk Facebook: "Die Plauener virtuelle Bücherzelle". Seit dem 4. Oktober gibt es die Verschenk-Börse, 75 Mitglieder sind der geschlossenen Gruppe bereits beigetreten. "Sie ist speziell für Plauener", erklärt Buchmann. "Sie können dort ihre Bücher reinstellen und andere Nutzer schreiben drunter, wenn sie ein Buch möchten. Danach trifft man sich zur Übergabe." Viele Plauener in seiner großen Facebook-Gruppe hätten sich über Beinahe-Leerstand in der analogen Bücherzelle beschwert, erläutert der Plauener.

Auch im übrigen Vogtland sind die Lese-Stationen auf dem Vormarsch. Im oberen Vogtland gibt es ebenfalls Anlaufstellen für Leseratten: in Magwitz einen Büchercontainer, in Schönbrunn eine Bücherzelle und eine Bücherbank in Bad Elster. Im Bereich Auerbach wurde in Ellefeld eine Bus- zur Buchhaltestelle umfunktioniert. Geplant ist zudem eine Mini-Tauschbörse im Zellenformat in Treuen. (mit lh, hagr)

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