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Lesung in Reichenbach: Jüdisches Leben in der DDR im Fokus

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Der Schriftsteller und Journalist Chaim Noll sprach über seine Erfahrungen. Seine Wurzeln reichen bis ins Vogtland zurück.

Reichenbach.

In Deutschland wird 2021 das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben begangen. Der 1954 in Berlin als Hans geborene Chaim Noll schätzt jedoch, dass Juden seit mindestens 2000 Jahren im Gebiet des heutigen Deutschland existieren. Auf die Frage, wie lange es jüdisches Leben hier noch geben wird, wusste der deutsch-israelische Journalist und Schriftsteller keine Antwort. Der Trend stimme nicht unbedingt hoffnungsvoll. Zahlreiche Juden sind in den vergangenen Jahren aus Europa ausgewandert, so wie er in den 1990er Jahren. In dem zweistündigen Lesegespräch mit Werner Hartstock von den sächsischen Israelfreunden machte der Gast deutlich, dass es immer Juden in der Heimat seines Volkes und in der Diaspora gab und diese beiden Standbeine wichtig für die Juden sind.

Dem Thema entsprechend verwob Chaim Noll die Geschichte der DDR mit seiner Lebensgeschichte, die von Suche und Aufbegehren geprägt ist. Er zählte auf, was vor allem ältere Besucher der Veranstaltung aus eigener Erfahrung kennen: Juden wurden in der DDR nur in Zusammenhang mit der Vernichtung durch die Nationalsozialisten, also nur als tote Juden, erwähnt. Die wenigen künstlich am Leben erhaltenen Gemeinden waren durch die Stasi infiltriert. Für die einzige jüdische Hochzeit in Berlin, die traditionell unter dem Chuppa genannten Baldachin stattfand, musste das Zubehör aus dem Fundus der Komischen Oper ausgeliehen werden, weil kein normales jüdisches Leben vorgesehen war. Israel wurde als Staat der Imperialisten und Kriegstreiber dargestellt. "Ich hatte eine Schulfreundin, deren Eltern aus Israel in die DDR gekommen waren. Die sagte mir immer, dass nicht stimme, was hier über Israel erzählt wird. Deshalb war ich schon frühzeitig im Bilde", erklärte er.

Bei Forschungen zum jüdischen Leben in Reichenbach war bekannt geworden, dass in Chaim Nolls Adern vogtländisches Blut fließt. Seine Großmutter Magdalena Noll wurde in Reichenbach geboren. Sie war von anderem Format als ihr angepasster Sohn und Chaim Nolls Vater Dieter, dessen Roman "Die Abenteuer des Werner Holt" Generationen im Deutschunterricht behandelt haben. Sie hatte als eine der wenigen Frauen studiert und wurde zum Arbeitsdienst in einem Büro in Leitmeritz gezwungen. Weil Sie gegen die Nazis aufbegehrte und deshalb im Gefängnis saß, kam sie spät nach Theresienstadt und wurde nicht nach Auschwitz deportiert. Noll, der den Wehrdienst verweigerte, sieht sich in Sachen Ungehorsam in einer Linie mit seiner Großmutter. Er fühle sich in Reichenbach und Chemnitz, dem späteren Wohnort seiner Großmutter, deshalb wohl.

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