Mit Schorsch auf Erinnerungstour

Im Stadtgut Oberreichenbach gab es eine der ersten Schweinemastanlagen Deutschlands. Später schraubte Kuhno dort an "Go Trabi Go"-Geschichte. Heute wohnt und arbeitet dort die Familie des Stadtwehrleiters.

Reichenbach.

Wenn Wände erzählen könnten. Diesen Satz hatte Thomas Weck oft im Ohr, als nach und nach viele der in die Jahre gekommenen Gebäude des einstigen Stadtguts Oberreichenbach abgerissen oder modernisiert wurden. "Viel ist nicht überliefert. Aber das, was wir wissen, sollte schon mal aufgeschrieben werden. Zumal das ziemlich außergewöhnlich ist. Denn wer weiß schon noch von der Schweinemast oder davon, dass Kuhno hier an den Film-Trabis geschraubt hat", sagt der Reichenbacher Stadtwehrleiter, dessen Eltern 1994 Grund und Boden des an der Eisenbahnstraße liegenden Guts von der Stadt gekauft hatten. Seit 2009 wohnt Thomas Weck mit seiner Familie in einem schmucken Neubau an genau jener Stelle, an der das einstige Gutswohnhaus stand.

In dem alten Haus hatte auch der nicht nur in Oberreichenbach nur Kuhno genannte Hans-Jürgen Kuhn von 1977 bis 1994 seine Bleibe. Kuhno ist in dem Kultfilm "Go Trabi Go" in einer Mini-Szene mit Udo Struutz vor einer Autowerkstatt zu sehen. Der eine wurde danach als Wolfgang Stumph berühmt, Kuhno kam erst viel später als Schrauber und Präparator der 13 Film-Trabis in die Schlagzeilen. Zu DDR-Zeiten unterhielt der inzwischen 66-Jährige eine kleine Pferdezucht in dem zur Heinsdorfer LPG gehörenden Gut. "Ich war beispielsweise für den Weidebau zuständig. In den Hanglagen kam ja keine Technik ran, ich mit den Pferden schon", erzählt Kuhno. Als nach der Wende der Zufall Regie führte, Kuhno zum Film kam und die für die verschiedenen Drehs benötigten Trabis zu präparieren hatte, baute er in den am Gut stehenden Garagen die ersten Schorschs um. Mit dem letzten der berühmten Zweitakter - dieser Schorsch drehte im Film vor der Auto-Werkstatt von Dieter Hildebrandt ein paar Runden auf zwei Rädern - war Kuhno jetzt noch einmal für ein Erinnerungsfoto an Ort und Stelle aufgetaucht.

Für Schlagzeilen hatte das Stadtgut schon einmal gesorgt: Als im Ersten Weltkrieg die Not groß war, ließ die Stadt in dem 1908 eingemeindeten Stadtteil eine Schweinemastanlage errichten - als eine der ersten Kommunen in ganz Deutschland, wie die Zeitungen seinerzeit berichteten. Im Sommer 1916 hieß es: "Die städtische Schweinemastanstalt vom Stadtgut Oberreichenbach soll noch im Monat Juni bezugsfertig werden. Darin sind Stallungen für 60 Schweine, eine große Futterküche mit neuesten Vorrichtungen für die Futterbereitung, ein Wärterraum, Nebenräume sowie ein Schuppen zur Aufspeicherung von Futtermitteln vorhanden. Die Anstalt ist an die städtische Wasserleitung und an die elektrische Zentrale angeschlossen."

Auch nach dem Krieg, in der Weimarer Republik, bei den Nazis und in der DDR war das Gut für seine Schweinemast bekannt. Einer, für den das Füttern und Ausmisten der Tiere Alltag war, ist Manfred Oertel. Der heute 87-jährige Reichenbacher war in den 30er-Jahren mit seiner Familie von Plauen ins Gutshaus nach Oberreichenbach gezogen. "Unten war die gute Stub', oben das Schlafzimmer. Ich hatte als Kind natürlich in der Mast mitzuarbeiten", erzählt der Zeitzeuge. "Ich kann mich noch erinnern, dass im Zweiten Weltkrieg ein kriegsgefangener Russe die Schweine zu füttern hatte." Manfred Oertel selbst wechselte nach der Schule das Metier, fing in der Stadtgärtnerei an.

Heute erinnern noch wenige Gebäude an das Gut. In einem davon, einem einstigen Schweine- und Kuhstall, arbeitet die Frau des Stadtwehrleiters. Nadine Weck betreibt in dem modernisierten und erweiterten Gebäude die Physiotherapie am Bad. Und dort ist am Donnerstag von 12 bis 17 Uhr Tag der offenen Tür. Mit einer Tombola, deren Erlös an das nahe Kinder- und Jugendheim Regenbogenhaus geht.

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