Mühlentradition in Hauptmannsgrün schwindet

Über Jahrhunderte wurde mit Wasserkraft Mehl gemahlen und Holz gesägt. Ein Bauwerk aus dieser Zeit wird abgebrochen.

Hauptmannsgrün.

Mühlen haben als die ältesten Maschinen der Welt über Jahrhunderte hinweg auch in der Region um Reichenbach das wirtschaftliche Leben von Dörfern und Städten wesentlich mitbestimmt. Der älteste vogtländische Nachweis aus Plauen liegt von 1122 vor, in der Stadt Reichenbach von 1336. Der Raumbach hatte einst 14 Mühlen angetrieben. Allein in der heutigen Gemeinde Heinsdorfergrund standen einst sieben Mühlen.

Nun verschwindet mit der Hauptmannsgrüner Mühle ein weiterer Standort, die älteste der beiden ehemaligen Mühlen des Ortes. Der bislang früheste, wenn auch indirekte Nachweis dieser Mühle stammt aus dem Jahr 1651, als Hanß Neubauer, einst "Meister und Müller zu Hauptmannsgrün", die Tochter des Hammermüllers zu Lengenfeld ehelichte. Es ist sicher, dass diese Mühle aber älteren Datums ist. Hauptmannsgrün selbst wurde 1367 erstmals genannt.

Die Hauptmannsgrüner Mühle wurde über einen etwa 160 Meter langen und etwa 1,80 Meter breiten Mühlgraben gespeist, der sein Wasser aus dem Raumbach und vom Mühlteich (einst Pfarrteich) bezog. Darüber hinaus wurde die Mühle vom Hauptmannsgrüner Dorfbach gespeist, der in den Mühlgraben geleitet wurde. Das oberschlächtige Mühlrad, das 1903 die Mahl- und die Schneidmühle antrieb, hatte einen Durchmesser von 4,80 Meter.

Die Mühle besaß vermutlich zunächst nur einen Gang, später kamen ein zweiter Gang (Nachweis von 1902) und die Schneidemühle (Nachweis von 1855) hinzu. Die ersten Gattersägen in Deutschland waren Ende des 15. Jahrhunderts entstanden. Ein neues Kapitel der Mühlengeschichte begann 1909, als der Müller Otto Müller eine Francis-Turbine einbauen ließ. Ihr war ein Elektromotor beigestellt. Vermutlich in jener Zeit wurden auch die Mühlsteine durch die effektiveren Walzenstühle abgelöst.

Nach 1800 war die Hauptmannsgrüner Mühle in den Besitz des aus Neumark stammenden Johann Gottfried Müller gekommen und wurde etwa 150 Jahre von vier Generationen betrieben. 1960 meldeten die Brüder Konrad Müller die Mahlmühle und Paul Müller die Schneidemühle als selbstständige Gewerbebetriebe ab. Während die Technik der Schneidemühle verkauft oder verschrottet wurde, nutzte die LPG "Neues Leben" die Mahlmühle bis gegen Ende der 1970er-Jahre noch innerbetrieblich zum Schroten. Um 1985 wurden auch diese Maschinen verkauft.

Die Mühle diente fortan zu Wohnzwecken. 1992 verkaufte die Gemeinde Hauptmannsgrün das Mühlengut an die damaligen Mieter. Um 2014 zog die letzte Mieterin aus, die Mühle verfiel. 2019 erklärte der Besitzer den Verzicht auf sein Eigentum. Der Hof kam wieder an die Gemeinde, die mittlerweile beabsichtigt, das Grundstück nach dem Abbruch der Gebäude als Ausgleich für die Siedlung am Waldblick renaturieren zu lassen.

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