Müll: Hat Schneidenbach eine Zukunft?

Die Ermittlungen zur Ursache des Großbrands bei Glitzner laufen. Der Standort ist nicht gegen Feuer versichert. Das wirft Fragen auf.

Gespenstische Szenerie. Die Halle für die Ersatzbrennstoff-Fertigung bot nach dem Brand ein filmreifes Bild. Ob die Anlage wieder aufgebaut wird, ist offen. Gestern hieß es: Entschieden wird, wenn die Brandursache ermittelt ist.
Aufräumen am Tag danach. Reste des in Flammen aufgegangenen Materials und Teile der zerstörten Halle werden abtransportiert.
Dieter Kießling - Ehemaliger OB von Reichenbach

Von Nicole Jähn und Gerd Möckel

Nach dem Großbrand in der kreiseigenen Müllfirma Glitzner in Schneidenbach steht die Anlage vor ungewisser Zukunft. Als Wertstoffhof und Umladestation soll der Standort erhalten bleiben, betonte das Landratsamt gestern. Doch ob die Produktion von Ersatzbrennstoffen wieder aufgenommen wird, steht in Zweifel. "Wenn die Brandursache geklärt ist, können durch die Verantwortlichen die erforderlichen Konsequenzen gezogen werden", hieß es auf Anfrage der "Freien Presse". Die Behörde verwies darauf, dass der damalige Glitzner-Geschäftsführer Uwe Schink vor zwei Jahren angedeutet hatte, dass die Anlage nach einem Brand möglicherweise nicht wieder in Betrieb gehen könnte. Übergangsweise sollen Fremdfirmen die Verwertung des im Raum Reichenbach anfallenden Mülls übernehmen. Welche Rolle die Anlage in Oelsnitz künftig spielen könnte, blieb offen.

Der Brand vom Montag war das dritte Großfeuer in Schneidenbach seit 2007. Glitzner hatte zum 1. Februar 2015 die Feuerversicherung für die Anlage gekündigt. Die Versicherung hatte damals den Einbau automatischer Feuerlöschanlagen in allen Produktionshallen gefordert. Es ging um eine Investition von zwei Millionen Euro innerhalb von drei Monaten. "Dies war weder tatsächlich noch aufgrund der Genehmigungserfordernisse möglich", so Pressesprecher Uwe Heinl gestern. Jährlich wären zudem knapp 130.000 Euro Prämie fällig gewesen. Ohne Versicherung ergibt sich für die Firma erst ein wirtschaftlicher Nachteil, wenn der Schaden im Brandfall die Grenze von 2,5 Millionen Euro übersteigen würde. Getragen wurde die damalige Entscheidung vom Aufsichtsrat, das sind Kreisdezernent Lars Beck und vier gewählte Kreisräte. Das Gremium stimmte der Kündigung einstimmig zu. Im Herbst des selben Jahres wurde dann auch die Versicherung für die Abfallbehandlungsanlage in Oelsnitz gekündigt.

Die Schadenshöhe nach dem aktuellen Vorfall steht noch nicht fest. Zum Januar hatte die Halle in Schneidenbach einen Wert von 120.000 Euro, die Anlage von 600.000 Euro, wie der Kreis gestern auf Anfrage informierte. Glitzner und die ebenfalls kreiseigene Firma Kreisentsorgung Vogtland (KEV) sollten nach der Kündigung selbst Rücklagen für den Schadensfall bilden. 150.000 Euro sind es geworden. Die Kalkulation der Müllgebühren sei vom gestrigen Vorfall nicht betroffen, ließen die Verantwortlichen über die Pressestelle mitteilen.

Der ehemalige Reichenbacher CDU-Oberbürgermeister, Dieter Kießling, bewertet den Ausstieg aus der Versicherung auf Nachfrage als negativ: "Ich habe das damals schon nicht verstanden und hätte anders entschieden. Wie wir jetzt sehen, kann es eben trotz vieler fraglos erfolgter Sicherheitsvorkehrungen immer wieder passieren."

Und nicht nur in Schneidenbach. In den vergangenen Jahren hat es in Abfallbehandlungs- und Recyclinganlagen und Deponien in Sachsen im Schnitt ein- bis zweimal pro Monat gebrannt. Darauf macht Volkmar Zschocke, abfallpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, aufmerksam. Er fordert den Einbau besserer Brandschutztechnik und Unterstützung von Umweltminister Thomas Schmidt (CDU). Im Ministerium prallte der Vorschlag gestern als "reflexartig" ab. Sprecher Frank Meyer verwies auf brandschutztechnische Vorschriften für die Anlage in Schneidenbach, die durch die zuständigen Behörden kontrolliert würden. Der Fall könne nicht bewertet werden, solange die Brandursache unklar sei. Der Kreis gab auf Nachfrage an, dass mehr als 570.000 Euro in den Brandschutz am Standort Schneidenbach gesteckt worden seien.

Unterdessen liefen gestern die Ermittlungen zur Brandursache an. Landrat Rolf Keil (CDU) hatte am Montag von einer "Überhitzung im Produktionsprozess" gesprochen. Daraufhin habe die Brandmeldeanlage angeschlagen. Gestern waren mehrere Ermittler der Kripo Zwickau im Einsatz. Wie Polizeisprecher Christian Schünemann sagte, können die Ermittlungen längere Zeit in Anspruch nehmen.

Inzwischen begann am Tag danach das Aufräumen. Glitzner ließ am Morgen die Überreste des in Feuer und Rauch aufgegangenen Mixes aus Textilabfällen, Hausmüll und Gewerbeabfall aus dem zerstörten Hallentrakt schieben. Die Feuerwehr hatte in der Nacht letzte Glutnester gelöscht. Die am späten Montagabend von der Internetgemeinde Facebook diskutierte Meldung, wonach es gegen 22 Uhr erneut gebrannt haben soll, bestätigte die Feuerwehr nicht. Wie Stadtwehrleiter Thomas Weck sagte, war die Wehr mit Materialtransporten unterwegs, zudem hatte das THW Reichenbach den Einsatzort hell ausgeleuchtet. "Es gab keinen neuen Brand, die letzten Feuerstellen waren gegen 22 Uhr gelöscht." Weck sprach von einem intensiven Einsatz, der alle Feuerwehrleute voll gefordert hat. So musste in der Nacht nach dem Großbrand ein Feuerwehrmann aus Reichenbach ins Krankenhaus. Vorsorglich, wie das Landratsamt mitteilte. Er hatte über Kopfschmerzen geklagt. Der Mann und die sieben Glitzner-Mitarbeiter, die am Montag in Krankenhäuser gekommen waren, konnten inzwischen aus den Kliniken entlassen werden.

Weiterhin unklar ist dagegen, ob es vor dem Brandausbruch oder kurz danach einen dumpfen Knall in der Anlage gegeben hat - am Montag hatten mehrere Anwohner davon berichtet. Landrat und Glitzner-Geschäftsführer Jörg Blei hatten diese Wahrnehmungen am Montag nicht bestätigt. Es habe weder eine Verpuffung noch eine Explosion gegeben, sagte Pressesprecher Heinl. Gestern meldete sich jedoch eine weitere Frau, die an der Bushaltestelle am Ortseingang zunächst den Qualm und wenig später einen Knall vernommen hatte. "Neben mir stand eine Frau, die daraufhin wieder nach Hause gegangen ist. Die ganze Sache war ihr zu gefährlich." Der Bus sei planmäßig 10.41 Uhr abgefahren. In Höhe des Friedhofwegs sei das erste Einsatzfahrzeug entgegengekommen, ein Rettungswagen.

Der Großbrand am Montag hatte indes auch andere Seiten. So war von dem Karlsruher Feuerwehrgeräte-Hersteller Metz ein überraschendes Hilfsangebot gekommen. Zwei Mitarbeiter der Firma waren mit einem Vorführfahrzeug von Karlsruhe nach Danzig auf der A 72 unterwegs und hatten im Angesicht der Rauchfahne sofort den Weg nach Schneidenbach eingeschlagen. Der riesige Hubsteiger wurde allerdings nicht gebraucht. Das Metz-Kommando setzte nach einem herzlichen Dank von der Reichenbacher Wehr seinen Weg fort.

All das hat auch Sascha Wolf aus Auerbach verfolgt. Ausgerüstet mit Atemschutz und Kamera hielt der Handwerker den Feuerwehreinsatz für seinen in acht Jahren bereits mehrere Millionen Mal geklickten Youtube-Kanal "youtubesuperranger119" fest. "Ich interessiere mich für die Feuerwehrarbeit, speziell für die der Japaner. Deren Technik ist wirklich führend. Da kommen Löschpanzer und Roboter zum Einsatz." Auch vom zweiten Glitzner-Großbrand 2012 hatte er für die Youtube-Gemeinde einen Film gedreht.

6Kommentare
👍1👎0 Zeitungss 14.09.2018 Als kleine Ergänzung zum meinen letzten Beitrag. Beim Vogtländer klingelt der Wecker auch jetzt noch nicht, wäre fast untergegangen.
👍4👎0 Zeitungss 14.09.2018 Jedes Kfz hat eine Pflichtversicherung, sonst gibt es keine Zulassung. 130000Euro ( Versicherungsbeiträge) für schönere Dinge des Lebens zu verwenden, geht natürlich auch, wie der Bürger gerade einmal vorsichtig untergejubelt bekommt. Verantwortung hat von den hochbezahlten und teilweise beurlaubten Verantwortlichen KEINER. Ein Ersatz muss her und am Brandtag sind ebenfalls erhebliche Kosten angefallen. "Ich habe es schon damals nicht verstanden" dürfte zur Begleichung der Schäden nicht ganz reichen. Anwohner streiten noch über die letzten Brände. Warten wir also ab, was der Normalbürger für diese Schlamperei auf den Tisch legen darf und wie dieser Vorgang dann erklärt wird, an der Erklärung wird schon fieberhaft gearbeitet.
👍6👎1 Zeitungss 12.09.2018 @Täglichleser: Mit dem zornig werden ist das so eine Sache. In anderen Landesteilen würde ich JA sagen, aber NICHT im Vogtland. Der Vogtländer hätte genügend Gründe WACH zu werden, er hört nur den Wecker nicht, wie es in anderen Gegenden der Fall ist. Änderung ist nicht in Sicht.
👍6👎0 Täglichleser 12.09.2018 Genau unfassbar Zahlemann. Keil und
Landratsamt begreift Ihr nicht, dass so eine
undurchsichtige Arbeitsweise die Vogtländer zornig werden lässt. Wir wissen
nichts. Es steigt nur Rauch auf, der alles vernebelt. Demokratie hat etwas auch mit
Ehrlichkeit zu tun. So zweifeln viele an unserem System. Und demokratischen
Strukturen. Und das spaltet die Gesellschaft und richtet grossen Schaden an.
👍9👎0 Zahlemann 12.09.2018 So wie es dem Bericht zu entnehmen ist, hat der Landrat den Knall nicht gehört.
Wie soll er auch, das Landratsamt ist in Plauen und von da aus wurde den Schneidenbachern immer wieder von Tranzparenz, allerhöchsten Sicherheitsmaßnahmen, Löschanlagen usw. erzählt.
Vom erhöhten Todesfällen durch Krebs gab es nie Zusammenhänge und auch diesmal wird vom giftifgen Rauch nur Glücksgefühe ausgelöst und Schlamperei gab es auch keine. Also alles in bester Ordnung.

Eine Frage hab ich noch: Wenn eine Textilfirma im Monat 50 Tonnen Textilabfälle anliefert und dort 270 Tonnen davon brannten, wielange sammelt man das Zeug und bereitet es für die Verbrennung auf? Bzw. wo wird es dann entsorgt?
👍2👎2 aussaugerges 12.09.2018 Heute Nacht ist wieder in Sachsen Anhalt ein Großbrand.

Keine Worte.
Kommentar schreiben