Mustergültiges in der Mylauer Stadtkirche

Der Reichenbacher Vocalkreis, das Dresdner Barockorchester und Solisten haben Bachs "Johannespassion" aufgeführt.

Mylau.

Mit wenig Leuten Großes zu vollbringen, das ist an den Hochburgen der Bach-Pflege seit geraumer Zeit erprobt und wird inzwischen nicht selten schon zum allgemeingültigen Muster erhoben. Am Karfreitag war die enormes Können voraussetzende Herangehensweise in der Mylauer Stadtkirche zu erleben, als sich der kammermusikalisch besetzte Reichenbacher Vocalkreis an Johann Sebastian Bachs "Johannespassion" wagte. Das Werk erzählt die Leidensgeschichte von Jesus Christus streng nach dem Bibeltext und stellt neben der Dramatik des Geschehens vor allem die Kraft des Glaubens in den Mittelpunkt.

In der von gut 300 Zuhörern besuchten Aufführung wusste das 2007 von Kantor Andreas Kamprad wiedergegründete und seither fleißig konzertierende Ensemble nachdrücklich zu überzeugen. Die zehn Sängerinnen und acht Sänger meisterten die rhythmisch und harmonisch anspruchsvollen Chöre ohne Fehl und Tadel, zeigten sich insbesondere der Vielfalt und oft rasanten Gegenläufigkeit der Stimmverläufe gewachsen. In den Chorälen entfaltete man eine breite Palette an Klangfarben, die vom hingebungsvoll Zarten bis zum durch Mark und Bein gehenden Aufschrei reichte.


Damit war der Vocalkreis ein zuverlässiger Partner Kamprads, der für eine zutiefst bewegende, dabei klar strukturierte, nichts dem Zufall überlassende Interpretation stand. So hatte in dem Choral "Christus, der uns selig macht" jeder der acht Verse ein eigenes Gesicht. Und im Chor "Wäre dieser nicht ein Übeltäter", der Rachsucht und Hass der irregeführten Volksmenge widerspiegelt, wurden die sich reibenden Akkorde haarscharf ausgesungen. Das war im Sinne Bachs nicht bedenkenlos schöne, sondern der Wahrheit verpflichtete, erschütternde Musik.

Mit ganz ähnlichem Anspruch agierten die anderen Mitwirkenden. Das 16-köpfige Dresdner Barockorchester, das in Sachen Instrumentarium und Spielweise den Gepflogenheiten der Bach-Zeit auf der Spur war, stützte mit seinem dezenten, hellwachen Spiel wunderbar den Gesang. Man bot darüber hinaus bestechende Instrumentalsoli und begleitete präzise und einfühlsam die Rezitative. Zu loben waren gleichfalls die Gesangssolisten. Tenor Christian Volkmann (Evangelist) und die Bässe Cornelius Uhle (Jesus) und Felix Rumpf (Pilatus/Arien) waren in der Passion besonders gefordert. Das Trio leistete in allen Punkten - Sicherheit, Tonumfang, Stimmvolumen, Ausdruck, Artikulation - Mustergültiges. Ein solche Ausgeglichenheit auf hoher Ebene dürfte Seltenheitswert haben. Der blutjunge Countertenor Jonathan Mayenschein und Sopranistin Anja Zügner bewährten sich in ihren lyrisch angelegten Partien.

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