Mutter empört: Tochter darf trotz Bade-Shirt nicht baden

Ein Vorfall im Freibad Reichenbach schlägt im Internet hohe Wellen. Die Stadt beruft sich bei ihrer Entscheidung auf Richtlinien der Badewesen-Gesellschaft - doch deren Empfehlung sieht anders aus.

Reichenbach.

Das Freibad Reichenbach ist ein Gästemagnet mit Anziehungskraft über die Stadt hinaus. "Wir gehen jedes Jahr auch in dieses schöne Bad. Das hat sich aber erstmal erledigt. Denn ich bin sprachlos, was wir hier erleben mussten, das ist uns in keinem anderen Freibad der Region passiert", sagt Katja Marx aus Greiz und spricht den jüngsten Besuch in Oberreichenbach mit Sohn und Tochter an: Der Badespaß an einem schönen Nachmittag hatte nur einige Minuten gewährt, da der mit Shorts und Bade-T-Shirt bekleideten Zehnjährigen das Baden vom Schwimmmeister untersagt wurde.

Und zwar mit Hinweis auf die Badeordnung und den vor den Umkleiden angebrachten Symbolbildern, auf denen die fürs Baden zulässige Bekleidung dargestellt ist. Daraus, sagt Stadtsprecherin Heike Keßler, "ergibt sich eindeutig, dass T-Shirts jeder Art von der erlaubten Badekleidung ausgenommen sind". Für die Gäste aus Greiz ein Unding: "Ich frage mich, warum die Symbolbilder nicht an der Kasse deutlich gezeigt, sondern im Bad versteckt werden", sagt Katja Marx. Auch den Umstand, dass diese Piktogramme auf der im Internet veröffentlichten Badeordnung fehlen, versteht die Besucherin nicht. Enttäuscht packten Mutter und Kinder zusammen und verlangten an der Kasse das Eintrittsgeld zurück. "Schließlich hatte ich für das Geld ja keine angemessene Gegenleistung. Aber erst nachdem ich lauter wurde, gab's das Geld zurück", erzählt die Greizerin.


Was Katja Marx richtig verärgert und in sozialen Medien zu einer von vielen geführten Diskussion mit teilweise ressentimentgeladenem Ton geführt hat: Das T-Shirt der Tochter ist erst jüngst gekaufte UV-Kleidung, die einige Hersteller explizit auch als Bademode führen - eben zum Beispiel als UV-Badeshirt. "Und dann dürfen wir damit nicht ins Wasser, obwohl das Tragen von Burkinis auch in Reichenbach erlaubt ist", sagt Katja Marx. Auf Facebook und Co ist dazu etwa "Armes Deutschland", "Burkini-Mummenschanz" oder "Invasion" und "Fremde im eigenen Land" zu lesen. Und es gibt Stimmen, die zum Bad-Boykott aufrufen.

Die Stadt als Badbetreiber verweist in ihrer Argumentation allein darauf, mit dem Verbot das Wasser im Bad vor Verschmutzung und Keimeintrag schützen zu wollen. Denn Schmutz und Keime könnten "den Badebetrieb gefährden". Um einen "qualitativ hochwertigen Badebetrieb" sicherzustellen, halte Reichenbach "an dieser Verfahrensweise fest." Bezüglich dieser "strengen Regelung" beruft sich die Stadt auf Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen - das ist die Interessenvertretung der wie Reichenbach im Verein organisierten Bad-Betreiber. Demnach seien "T-Shirts und lange Badeshorts" verboten. Erlaubt werde aus religiösen Gründen das Tragen von Burkinis, um Diskriminierungen auszuschließen.

In der von der Gesellschaft veröffentlichten "Verbandsaussage zum Thema Badebekleidung" liest sich das anders. Demnach wird "übliche Badebekleidung ohne Taschen" nahegelegt. Zum Kanon dieser Bekleidung gehören der "Burkini und vergleichbare Badebekleidung aus nicht saugendem Material". Auf die Materialart, betont Verbandssprecherin Konstanze Ziemke, "legen wir allein aus Sicherheitsgründen Wert". Mit dem Eintrag von Schmutz habe das nichts zu tun. Die heutige Badekleidung bestehe überwiegend aus Kunstfaser, bei einem Polyamid-Anteil von etwa 85 Prozent - wie das UV-Shirt von Katja Marx. So könne sich diese Kleidung nicht vollsaugen und zur Gefahr für Schwimmer werden.

Auf die Diskrepanz in den Argumentationen angesprochen, sagt die Sprecherin: "Das sind unsere Empfehlungen. Wie die Betreiber damit umgehen, das ist individuell. Allerdings wollen wir unsere Position auch nicht als eine Art Freibrief verstanden wissen, auch wenn die Bademode natürlich wie andere Mode auch einem Wandel unterliegt."

Immerhin: Reichenbach macht bei Kindern bis drei Jahre in Sachen UV-T-Shirt weiter eine Ausnahme, wegen der "sehr empfindlichen Haut" der Kinder und da über dem Planschbecken kein Sonnensegel angebracht werden könne. Überdies kündigt die Stadt an - ohne näher darauf einzugehen: "Der Vorfall wird zum Anlass genommen, die Badeordnung in ihrer Gesamtheit auf die Beachtung geltenden Rechts zu überprüfen."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
25Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    WolfgangPetry
    17.06.2019

    Der Wortlaut der groben Beleidigungen, welche die Greizerin "bin lauter geworden" gegen das Badpersonal gebrüllt hat, würde mich interessieren.

  • 11
    2
    cn3boj00
    17.06.2019

    Ich schlage vor, die EU aufzufordern, eine europaweite Baderichtlinie zu erlassen, in der geregelt wird, was man zum Baden anziehen darf, und dass Hrsteller von Badebekleidung diese mit einem Zertifikat aussatten müssen, aus dem hervorgeht, dass es sich um Badebekleidung handelt. Dieses muss auf Verlangen dem Badepersonal vorgelegt werden.
    Und ja, das ist ironisch gemeint, und würde doch diesen Affenzirkus vermeiden! Und übrigens sind die Regeln neuerdings nicht so streng, weil eben auch Musliminnen inzwischen baden gehen, was man schon als großen Fortschritt und kleinen Beitrag zur Integration sehen darf, sonder die sind lange vorher gemacht worden, als es üblich wurde, dass vor allem Männer mit ihren Straßenshorts einfach ins Wasser gesprungen sind. Letztlich geht es doch nur darum, dass man nicht mit seiner Straßenbekleidung ins Badebecken geht, aber die Auswüchse sind langsam lächerlich. Insbesondere können Bäder nicht die Mode vorschreiben.

  • 11
    3
    Lesemuffel
    17.06.2019

    Blackadder, wenn einst Reichenbach infolge Klimawandels Direktzugang zum Meer haben sollte, sind dort sicherlich auch Neoprenanzüge im Meer erlaubt. Zur Zeit aber noch nicht. Bitte gleich an der Kasse erkundigen, das erspart Ärger.

  • 7
    8
    Distelblüte
    17.06.2019

    @Interessierte: Schauen Sie im Internet nach. Und dann teilen Sie Ihre Erkenntnisse mit dem Forum.

  • 8
    14
    Interessierte
    17.06.2019

    Das ist doch wieder einmal interessant , wie Deutsche behandelt werden - und Menschen mit muslimischen Glauben ...
    Aber gibt es denn in diesen muslimischen Länder überhaupt ´Freibäder` ?
    Oder gehen die nur am Meer schwimmen ?

  • 10
    2
    MuellerF
    17.06.2019

    @Lesemuffel: Ich kann den Ärger der Mutter ein Stück weit nachvollziehen, wenn man erst im Badgelände vor vollendete Tatsachen gestellt wird, was zulässige Badebekleidung betrifft, statt schon am Eingang bzw. auch auf der Webseite.
    Wenigstens hat sie ihr Eintrittsgeld wiederbekommen. Die Regeln sind aber auch einfach unlogisch, weil letztlich nicht die "Stoffmenge" der Badekleidung entscheidend ist, sondern deren Material. Insofern ist auch die Ausnahmeregelung für Burkinis Quatsch- nicht, weil sie Burkinis erlaubt, sondern andere "technisch einwandfreie" Textilien untersagt. Programmierte Ungleichbehandlung -programmierter Ärger!

  • 15
    4
    WolfgangPetry
    17.06.2019

    Zurück zum FKK wird die einzige Lösung sein.

  • 5
    13
    Blackadder
    17.06.2019

    In kälteren Ländern, Irland z.B. sehe ich immer wieder Leute mit Neoprenanzug im Meer baden, das ist dann wohl sicher auch nicht erwünscht, oder?

  • 10
    10
    Distelblüte
    17.06.2019

    @Eichelhäher: Es bleibt Ihnen unbenommen, ein Freibad nicht aufzusuchen.
    Übrigens: ein Burkini ist nicht "dick". Es ist eine andere Form der Badebekleidung - auch wenn Sie sich das nicht vorstellen können. Googeln Sie es mal.

  • 8
    7
    Lesemuffel
    17.06.2019

    Einfach einen traditionellen Badeanzug kaufen und basta. Der "Fall" ist so unbedeutend wie nur irgendwas.

  • 22
    8
    Eichelhäher65
    16.06.2019

    Und schon lasse ich das Baden in öffentlichen Bäder weg, denn wenn ich das lese, vergeht mir völlig der Spass daran ! Dicke Burkinis erlaubt und ein etwas anderes Shirt bei einem Kind verboten ? Das kann doch nicht wahr sein ! Wo leben wir denn ?

  • 4
    5
    Distelblüte
    16.06.2019

    @Steuerzahler:Sie schrieben "Und wer setzt das dann durch? "
    In der Regel wird das durch das Badpersonal durchgesetzt.
    Pixelghost schrieb ja weiter unten, dass die Badordnung von 2013 dringend überarbeitet gehört.

  • 10
    7
    badebub
    16.06.2019

    Das Tragen von Badeshirts als UV-Schutz sollte eingegrenzt werden und nur wenn wirklich nötig(anfällige Haut/ Sonnenbrand) angezogen werden. Es ist für viele kaum zu unterscheiden ob Badeshirt oder normales T-Shirt. Wir verpacken unsere Kinder und wundern uns warum sie keine Hautfarbe bekommen und aussehen wie ein Käse? Was haben wir nur früher gemacht:-(.
    Burkini und Co: "das Benutzen der Badebecken ist nur in handelsüblicher Badebekleidung unter Wahrung der Religionsfreiheit gestattet." So wäre es vielleicht verständlich. Viele finden es dennoch befremdend wenn Muslime mit Burkinis baden gehen und meinen das die viele Keime o.Ä. mit ins Wasser eintragen. Schlimmer finde ich diejenigen welche sich darüber das Maul zerreißen und mit ihrer "Schwimmschlüpfer" welche schon seit 3 Tagen nicht gewechselt wurde ins Bad kommen und damit baden gehen.

  • 2
    4
    Steuerzahler
    16.06.2019

    @MüllerF: Bekleidet oder unbekleidet? Da fängt die Frage schon an! Und wer setzt das dann durch? Da ist unbeachtet der Nationalität nichts mit „versteht sich von selbst“.

  • 13
    7
    MuellerF
    16.06.2019

    @Tauchsieder: Es versteht sich von selbst, dass man nur mit sauberer Badebekleidung ins Becken geht- ob das nun eine Speedo, Badeshorts, Badeanzüge, Burkinis oder Bikinis sind, spielt dabei keine Rolle. Die Badeordnung umfasst daher meist auch die Pflicht, sich vor dem Gang ins Wasser zu duschen. Wo also soll denn der "Dreck" an Kleidungsstücken herkommen, die man sowieso nur zum Schwimmen trägt & die somit quasi ständig "gewaschen" werden?

  • 9
    16
    Distelblüte
    16.06.2019

    @Tauchsieder: Nach Ihrer Interpretation von "viel Fläche" könnte man auch argumentieren, dass dicke Menschen in Ihr Vorurteil eingeschlossen sind - sie brauch auch mehr textile Badebekleidung. Wollten Sie das zum Ausdruck bringen?
    Ansonsten müsste man ein kulturelles Vorurteil gegenüber Muslimen herauslesen.
    Und es ist nicht zwingend angenehm, allzu knappe Badehosen unter dicken Bäuchen nur zu vermuten. Da täte etwas mehr Stoff schon gut.

  • 13
    10
    Tauchsieder
    16.06.2019

    Ihre Fachkenntnisse über Burkinis "Distel....." kann ich natürlich nichts entgegensetzen.
    Ich weiß nur so viel, da wo viel Fläche ist, ist viel Dreck. Einfach physikalisch bedingt.

  • 14
    9
    Distelblüte
    16.06.2019

    @Tauchsieder: Was meinen Sie mit verschmutzt? Ein Burkini ist eine Badebekleidung - fairerweise sollte dann auch das Baden mit Badeshirt erlaubt sein.

  • 18
    13
    Tauchsieder
    16.06.2019

    Aus religiösen Gründen darf aber das Wasser verschmutzt werden. Wie Scheinheilig ist das denn.
    Da sollten sich die Betroffenen mal Gedanken machen, ob sie sich vielleicht umorientieren sollen.

  • 17
    2
    994374
    16.06.2019

    "Erlaubt werde aus religiösen Gründen das Tragen von Burkinis, um Diskriminierungen auszuschließen."
    Der Islam war schon immer weiter als der Europäer: Ein Burkini schützt noch viel mehr Haut als dieses halbherzige UV-Shirt!

  • 20
    1
    Pixelghost
    15.06.2019

    Badeordnung vom 5.11.2013! Diese findet man im Internet.

    Das sollte wohl mal jemand dran arbeiten. Die ist nicht auf dem neuesten Stand der „Technik“.

  • 30
    3
    MuellerF
    15.06.2019

    Entscheidend sollte das Material der Badekleidung sein, nicht deren "Design".
    Ein Badeanzug für Frauen hat flächenmäßig ca. den gleichen Textilanteil wie diese Kombi aus Höschen & Shirt, ist aber erlaubt. Objektiv gibt es also keinen Grund, diese Variante zu untersagen. Badeordnung überarbeiten, fertig!

  • 22
    1
    ChWtr
    15.06.2019

    Es ist nicht zum Lachen, @Steuerzahler - es bleibt aber lächerlich und eine Posse, wie man sie immer häufiger vorfindet!

  • 20
    14
    Steuerzahler
    15.06.2019

    @ChWtr: Nein, lächerlich oder zum Lachen auf keinen Fall. Eher gesellschaftliche Realität im Deutschland des Jahres 2019!

  • 27
    9
    ChWtr
    15.06.2019

    oh oh, Baden ohne Badusan (...) - lächerlich das Ganze.

    Aber typisch Deutsch incl. Amtsschimmel wiehern.



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