Netzschkau kampflos übergeben

Vor 75 Jahren: Mit dem Einzug der US-Truppen erlebte die Stadt im April ihre Befreiung. Ab 1. Juli rückte die Rote Armee an.

Netzschkau.

Ab 1944 bekam auch die Bevölkerung von Netzschkau die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs stärker zu spüren. Die Fliegeralarme nahmen zu, der Flüchtlingsstrom ließ die Einwohneranzahl anschwellen. 1939 zählte Netzschkau 7376 Einwohner, im Mai 1945 waren es 12.398. Die Zahl flaute aber schnell wieder ab, wie 8985 Bewohner im November 1945 zeigen.

In der Parkstraße entstand ein Luftschutztunnel. Der Felsenkeller der Brauerei Klemm, oberhalb des Bahnhofs Göltzschtalbrücke, wurde als Luftschutzraum umgerüstet. Am 17. März 1945 hatten US-Bomber beim Notabwurf von neun Fünfzentnerbomben Schäden an Friedhof, Oststraße, Schützenstraße, Hohe Straße, Eisenbahnstraße, Friedrich-August- und Adolf-Hitler-Straße hinterlassen. Die Zerstörung Plauens am 10./11. April 1945 verängstigte die Bevölkerung stark.

Unter NSDAP-Ortsgruppenleiter und Kampfkommandant Arthur Pursche waren zur Sicherung der Zufahrtsstraßen Panzersperren am Schützenplatz, zwei Geschütze an der Ecke Siedlungsstaße/Jahnstraße an der Bäckerei Mosch und ein Halbkettenfahrzeug an der Elsterberger Straße aufgestellt worden. An der Plauener Straße befanden sich bei der Fa. C. H. Müller und an der Mylauer Straße nahe der Fa. Floß weitere Geschütze.

Unter Federführung von Johanna Straach erreichte am 16. April 1945 eine Gruppe von 100 Frauen den Abzug der Geschütze an der Bäckerei Mosch. Gegen Mittag war die Kuhbergbaude gesprengt worden. Gegen 16 Uhr sprengte die deutsche Besatzung den an der Plauener Straße abgestellten Panzer. Die Einrichtung des Stabes und einer Artillerieabteilung auf dem Gelände des Chefs der Fa. C. H. Müller nahe der Göltzschtalbrücke sowie die Stationierung eines Panzers am Bahnwärterhaus Reinsdorfer Weg verschärften die Lage, und die Angst der Netzschkauer Bevölkerung wuchs.

Die 87. US-Infanterie-Division besetzte mit dem 346. Panzer-Grenadier-Regiment am 16. April gegen 13 Uhr die Höhen bei Brockau. In der Nacht zum 17. April gegen 2 Uhr gaben die Sirenen Feindalarm, worauf sich die Bevölkerung in die Luftschutzräume begab. Die Amerikaner schossen aus Richtung Kuhberg über Netzschkau hinweg in den Wald am Wudel nahe der Göltzschtalbrücke. Der Beschuss galt der 11. Panzerdivision in Reichenbach.

Amerikanische Panzer, motorisierte Einheiten und Infanterie fuhren am Morgen des 17. April von Brockau Richtung Netzschkau. In Brockau kam ihnen ein Fahrzeug mit beherzten Bürgern entgegen. Die Insassen erklärten, dass sich in Netzschkau keine deutschen Truppen befinden und die Stadt kampflos übergeben wird. Nach Aussage von Nema-Oberingenieur Friedrich Walz habe der Nema-Besitzer und stellvertretende Bürgermeister Emil Stark zur Fahrzeugbesatzung gehört. In Dungersgrün lief Traudel Dick mit weißer Fahne und Blumen den Amerikanern entgegen. Sie betonte, dass die Einwohner Netzschkaus in ihnen keine Feinde sehen.

Gegen 7.30 Uhr rollten amerikanische Panzer in Netzschkau ein. Sie fuhren die Bahnhofstraße hinab zum Markt, ein Teil weiter nach Mylau. Damit war der Krieg für Netzschkau zu Ende. Auf dem Markt und längs der Straße jubelten vorwiegend Zwangsarbeiter den Amerikanern zu, die Bonbons, Kaugummi und Schokolade in die Menge warfen. Nach und nach kamen auch Netzschkauer Bürger dazu.

In der Polizeiwache am Rathaus fiel ein Schuss. Ob nun einer der vier Polizisten einen der Soldaten verletzte, als die Amerikaner die Wache betraten, oder aber der Soldat stolperte und sich dabei ins Bein schoss, bleibt unklar. Während dem angeblichen Schützen die Flucht gelang und ein weiterer Polizist von polnischen Zwangsarbeitern gerettet wurde, wurden die zwei anderen unweit des Mylauer Bades erschossen.

Die US-Kommandantur zog ins Hotel "Ratskeller". Ein weiterer Teil war im Schützenhaus stationiert. Die schwere Kriegstechnik stand unterhalb des Kuhberges am Weg nach Brockau. Für den 18. April berief Stadtkommandant Major Ebbers den neuen Stadtrat und Emil Stark als Bürgermeister. Es galt der Ausnahmezustand. Keiner durfte die Stadt verlassen. Von 20 bis 7 Uhr herrschte Ausgangssperre. Die Militärregierung forderte, bis 19. April alle Waffen, Munition, Feldstecher, Fotoapparate, neue Filme und Rundfunkempfänger abzugeben. Zur Unterstützung wurde eine Bürgerpolizei mit 100 Mann ohne Waffen und Uniform unter Leitung von Wolfgang Schaller gebildet.

Dem Netzschkauer Lehrer Felix Mauersberger glückte die Flucht aus dem Außenlager Lengenfeld des Konzentrationslagers Flossenbürg. Paul Dick aus Netzschkau versteckte ihn, Dr. Wischeropp behandelte seine Verletzungen. Dennoch verstarb Mauersberger am 8. Mai 1945 an den erlittenen Misshandlungen. Ihm zu Ehren trägt die Oberschule Netzschkau heute noch seinen Namen.

Als die Sparkasse mehrere Tage kein Geld auszahlte, setzte ein reger Tausch- und Schwarzmarkthandel ein. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser durfte nur zehn Liter betragen. Die Gasabgabe erfolgte an vier Tagen pro Woche 10.30 bis 12.30 Uhr. Um die Verpflegung der Bevölkerung zu sichern, führte man ab 21. Mai 1945 Lebensmittelmarken ein, die bis 1958 erhalten blieben.

Nach Abzug der Amerikaner besetzten ab 1. Juli 1945 sowjetische Truppen Netzschkau. Sie zogen aus Richtung Mylau mit Panjewagen, teils ohne Stiefel, aber mit Möbeln (Sofas) im Gepäck, in die Stadt. Die Rote Armee richtete ihre Stadtkommandantur im "Ratskeller" ein. Siegestore stellte sie an der Ortskrankenkasse, am Markt und bei der Gasanstalt auf. Auf Befehl von Major Gorlin nahm die Nema mit 100 Beschäftigten die Arbeit wieder auf. Man stellte Dinge des täglichen Bedarfs her und reparierte landwirtschaftliche Geräte. Ab September waren Kriegsreparationen zu erbringen. Angewiesen wurde die Wiederaufnahme des Schulbetriebs.

Alle Angehörigen der deutschen Armee ab Dienstgrad Leutnant sowie Mitglieder von SA, SS, Gestapo und NSDAP hatten sich bis 25. September 1945 zur Registrierung in der Stadtkommandantur einzufinden. Dabei wurden auch 29 Jugendliche des Jahrgangs 1928/29 verhaftet und in Speziallager des sowjetischen NKWD nach Mühlberg, Buchenwald, Bautzen verbracht. Viele landeten in Sibirien, teils im Bergbau. Die meisten kehrten 1950, die Letzten 1953 zurück. Ein Teil überlebte die Lagerzeit nicht. Die Anklage erfolgte meist auf Russisch und war mit Spionage, Sabotage und Werwolf-Tätigkeit begründet. Es gab keine Verteidiger. Der Dolmetscher übersetzte nur das Urteil.

Die Not unter der Bevölkerung war groß. Borgen, Anschreiben, Ährenlesen und Kartoffelstoppeln waren an der Tagesordnung. Brennholz holten sich die Menschen aus den Wäldern bis in die Nachtstunden, stets auf der Hut vor Flurschutz und Waldhüter. Lebensnotwendig, aber gefährlich waren Tauschgeschäfte, Hamsterfahrten und Kohlenklau von Güterzügen. (mit gb)

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