Neue Einblicke in den SS-Terror am Markt

Karlheinz Demmrich aus Hessen macht bei Besuchen in seiner Geburtsstadt stets am einstigen Volkshaus Halt und regt an, dort deutlicher an Folter und Mord zu erinnern - im ersten KZ Reichenbachs hatte sein Vater eine Pistole auf der Brust, obwohl er selbst Nazi war.

Reichenbach.

Einmal im Jahr reist Karlheinz Demmrich aus dem hessischen Seligenstadt in die Stadt seiner Geburt. Dabei steuert der 84-Jährige stets zwei Ziele an: Die Treffen mit ehemaligen Mitschülern der vor 70 Jahren aus der Weinholdschule entlassenen 8 a. Und das Wohn- und Geschäftshaus am Markt, das unter anderem Sitz der "Freie Presse"-Lokalredaktion Reichenbach ist. Dort schaut der einstige Zeitungs-Journalist auf das vor dem Haus stehende Gedenkschild und sagt: "Wir haben es verpasst, unsere Eltern mit Fragen zu konfrontieren, was sie während der Nazizeit gemacht haben. Habt ihr euch mitschuldig gemacht an der Verfolgung von Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und Andersdenkenden? Aber eine gewisse Scheu hat eine ganze Generation davon abgehalten. Dieser Generation gehöre ich an. Aber das, was ich weiß, will ich erzählen. Weil das zur Reichenbacher Geschichte gehört und als Mahnung, da die Braunen wieder aus ihren Löchern kriechen."

Zu den Braunen in Reichenbach gehörte einst auch Karlheinz Demmrichs Vater. Das erfuhr der Sohn bei einem seiner Besuche, die ihn nach dem Wegzug der Familie Ende der 40er-Jahre ins Hessische bereits zu DDR-Zeiten nach Reichenbach führten. "Ich hatte einige Andeutungen, mehr nicht. Von sich aus hat ja keiner der Alten etwas gesagt", erzählt Karlheinz Demmrich über Treffen mit "Onkel Kurt" im "Goldenen Anker" - so hieß das zur Gaststätte umfunktionierte einstige Volkshaus, das seit 1919 Sitz von SPD und Textilarbeiter-Gewerkschaft war. "Er sagte, dass mein Vater als SA-Sturmführer einen Radfahrsturm befehligt hatte und Mitglied der Reichenbacher Hilfspolizei war."


Und zwar genau zu jener Zeit, als die Nazis Anfang März 1933 das Volkshaus besetzten und es bis zum Umzug in ein Firmengebäude im Mai als sogenanntes Schutzhaftlager nutzten. In Wahrheit war das Volkshaus Reichenbachs erstes KZ. In diesem "Zentrum des Terrors im Vogtland", wie der Reichenbacher Heimatforscher Wolfgang Richter schreibt, wurden in wenigen Wochen bis zu 1200 Menschen verhört, gefoltert, in den Tod getrieben - und wohl auch ermordet. Da die Schreie der Opfer oft über den Markt hinaus gellten, fühlte sich die NS-Frauenschaft gestört - und brachte Kissen, mit denen die vorwiegend der SS angehörigen Täter die Münder ihrer Opfer verschließen sollten.

Dieser Zynismus und die entfesselte Gewalt überhaupt hatten dem jungen Sturmführer wohl zu denken gegeben. "Er ging mit einigen seiner SA-Männer in das Volkshaus, um sich von den Zuständen dort selbst ein Bild zu machen", erzählt der Sohn. Doch Karl Willy Demmrich kam nicht weit. Noch im Erdgeschoss wurde er von SS-Mann Johannes Schlupper gestoppt. Der setzte ihm die Pistole auf die Brust und sagte: "Du verlässt das Haus, oder ich erschieße dich auf der Stelle." Demmrich ging. Schlupper, da ist sich Karlheinz Demmrich sicher, hätte Ernst gemacht. Der Konditorsohn wurde 1972 im Westen als Kriegsverbrecher zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. In den besetzten Ostgebieten war Schlupper als Vollstrecker und Befehlshaber von SS-Kommandos für den Tod Hunderter Juden verantwortlich. Im Volkshaus - das belegen Recherchen des Heimatforschers Gero Fehlhauer - gehörte Schlupper zu den eifrigsten Sadisten, die ihre Opfer oft bis zur Bewusstlosigkeit gequält haben. Und in den Tod. Auch da ist sich Karlheinz Demmrich sicher.

Nach der Wende hatte der West-Journalist auf der Suche nach weiteren Hinweisen zum Geschehen im Volkshaus Kontakt zu Walter Janka aufgenommen. Janka war bis zu seiner Haftstrafe 1957 wegen angeblich konterrevolutionärer Aktivitäten Leiter des Aufbauverlags und Bruder von Albert Janka - der jüngste KPD-Reichstagsabgeordnete gehört zu den prominenten Opfern des Reichenbacher SS-Terrors. Im Volkshaus wurde er tagelang schwer misshandelt - bis er sich in seiner Zelle aufgehängt hat. So zumindest ist es einigen Darstellungen zu entnehmen, so sagt es der Text der Gedenktafel vor dem Haus ("gefoltert und in den Tod getrieben") aus. Albert Janka wäre wohl dazu nicht mehr fähig gewesen. Wie Karlheinz Demmrich sagt, musste die damals in Chemnitz lebende Familie Alberts Leiche in Reichenbach abholen. "Walter Janka hat mir erzählt, sein Bruder sei nicht wiederzuerkennen gewesen, so übel war er zugerichtet. Das mit dem Aufhängen haben die Nazis nur behauptet."

Das Geschehen im Volkshaus hallte in Reichenbach lange nach. Beim Treffen mit Onkel Kurt an Ort und Stelle im "Anker" trat ein Herr an den Tisch und warnte Karlheinz Demmrich, sein Vater solle ja nicht in die DDR zurückkehren: "Hier warten einige auf ihn." Offenbar waren alte Rechnungen zu begleichen. Auch von denen, die beim Pflasterstein-Marsch am 22. März 1933 öffentlich gedemütigt worden waren: Die Nazis hatten die damals im Volkshaus Inhaftierten gezwungen, an diesem gut besuchten Markttag Pflastersteine vom Markt durch die ganze Stadt zu tragen. Mit den Steinen, so der auch der Verhaftung dienende Vorwurf, hätte man auf Volksgenossen werfen wollen.

Doch Karl Willy Demmrich war zwar Nazi, offenbar jedoch kein Täter. Nach dem Vorfall mit Schlupper, so gibt der Sohn das Gespräch mit dem Onkel wieder, hatte der Vater in Plauen ein ähnliches Erlebnis. Offenkundig war er nach seiner Eigenmächtigkeit im Volkshaus zum NSDAP-Kreisleiter einbestellt. Der legte ihm seine Pistole auf den Tisch und forderte ihn auf, sich zu erschießen. "Mein Vater hat gesagt, das mache er nicht, weil er zuhause Frau und Kinder hat." Wenig später wurde er von seiner Arbeit im E-Werk entbunden, zunächst zum Flugplatz Nora, dann an die Luftkriegsschule Dresden-Klotzsche versetzt. 1945 verhafteten ihn die Amerikaner in Reichenbach und internierten ihn im Lager Kornwestheim. Ein paar Jahre später siedelte die in einem Haus an der Fritz-Schneider-Straße lebende Familie in den Westen über.

Das Gedenkschild vor dem einstigen Volkshaus - die Schrift beginnt bereits abzublättern - erinnert für Karlheinz Demmrich nur unzureichend an das Ausmaß des Grauens - zumal das nach dem Krieg weiterging: Ex-Stadträtin Helga Ernst berichtete bereits vor Jahren, dass ihr Großvater dort einst von Nazis gefoltert, später von Kommunisten verhört wurde. Karlheinz Demmrich: "Alles hastet vorbei, keiner sieht auf das Schild. Es wäre schön, würden sich die städtischen Gremien Gedanken über die Aussage darauf und überhaupt die Form des Gedenkens dort machen. Denn diese dunkle Seite gehört zu Reichenbachs Geschichte wie die helle mit der Neuberin und Mattheuer."

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