Neuer Blick auf betagte Persönlichkeiten

Einmal im Jahr rufen die Wohlfahrtsverbände Vertreter aus Politik, Verwaltung und Sozialwirtschaft zum Perspektivwechsel: 29 haben sich zur Mitarbeit in einer sozialen Einrichtung gemeldet, zwei kommen aus dem Vogtland.

Reichenbach.

Seit zehn Jahren lädt die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände in Sachsen zur Aktion Perspektivwechsel ein. Für einen Tag tauschen Politiker, Mitarbeiter in Arbeitsagenturen oder Versicherungen ihren Schreibtisch gegen eine Job in einer sozialen Einrichtung.

Im Freistaat haben sich dieses Jahr insgesamt 29 Männer und Frauen für einen solchen Perspektivwechsel angemeldet. Die Mehrzahl kommt aus der Politik, einige von der Arbeitsagentur und einige aus Krankenkassen. Die Teilnehmer helfen in Senioreneinrichtungen, in Kindertagesstätten oder in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen.

Fürs Vogtland gibt es zwei Anmeldungen, eine davon vom CDU-Landtagsabgeordneten Stephan Hösl, der seinen gestrigen Vormittag in der Tagespflegestation des Deutschen Roten Kreuzes in Reichenbach verbracht hat. In das Berufsleben ihm unbekannter Branchen hat er schon öfter hinein geschnuppert, beim Müllsortieren oder Müllsammeln etwa. Er sagt: "Ich brauche eigentlich nicht unbedingt eine solche Aktion, um so etwas einmal zu machen." Die Pflegebranche sei ihm auch nicht gänzlich fremd: "Meine Frau arbeitet bei der Lebenshilfe, insofern sprechen wir auch oft über Probleme in diesem Berufszweig." In seinem Einsatz in der Tagespflege sieht er vor allem auch ein Dankeschön an die Pflegekräfte und eine Würdigung ihres Einsatzes.

Aus Sicht von Annett Biskup, der stellvertretenden Leiterin der DRK-Tagespflegestation in Reichenbach, gibt es viele Belange, die soziale Einrichtungen den Politikern mit auf den Weg geben können. Ganz oben steht der Fachkräftemangel. "Bei uns in der Tagespflege wirkt sich der Mangel an Fachpersonal noch nicht so dramatisch aus wie in Pflegeheimen mit Schichtbetrieb. Unsere Arbeitszeiten hier sind familienfreundlich", erläutert Annett Biskup. Noch etwas anderes ist der stellvertretenden Leiterin wichtig: "Die Menschen, die Hilfe brauchen, sollten als Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Die meisten haben ihr Leben lang gearbeitet." Es dürfe nicht nur darum gehen, wie viel Zeit für jeden einzelnen Handgriff zur Verfügung stehe.

So sieht das auch Stephan Hösl: "Bei einer solchen Begegnung erfahre ich nicht nur etwas über die Belange der Pflegekräfte, sondern auch über die Menschen, die solche Einrichtungen nutzen. Der einzelne Mensch passt nicht immer in ein Schema."

Der Landtagsabgeordnete und Stadtrat schätzt zwar ein, dass zumindest viele Politiker auf Landesebene bodenständig geblieben sind, weil sie alle auch einen Beruf haben, der sie erdet. Solche Ausflüge in die Berufswelt zu unternehmen, könne er trotzdem jedem Politiker empfehlen, gerade um Probleme aus berufsfremden Branchen besser kennenzulernen. Trotzdem vertrete natürlich jede Branche ihre Interessen, während der Politiker die Interessen aller im Auge behalten müsse, was nicht immer einfach sei, meint Hösl.

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