Pöhl-Schwimmer berichtet: So lief der Unfall mit dem Motorboot

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Auf der Talsperre kollidierte ein Bootsfahrer und ein Schwimmer. Ein Unfall, der auch anders hätte enden können.

Pöhl.

Frank Sußmann radelt etwa jeden zweiten Tag nach Pöhl. Ganz am Ende der Rodlera-Bucht haben seine Eltern einen kleinen Bungalow. Dort steigt der Netzschkauer regelmäßig ins kühle Nass. Auch am vergangenen Mittwoch. An jenem Abend ist wenig los auf der Talsperre, ein kleines Tretboot dümpelt in der Bucht. Es ist der Abend des Halbfinalspiels der Fußball-Europameisterschaft. England gegen Dänemark. Das will sich auch Sußmann nicht entgehen lassen. Gegen 19 Uhr steht die Sonne tief, es ist diesig.

Bis ans andere Ufer sind es etwa 100 Meter. Die schwimmt Sußmann in der Regel ein-, zwei-, vielleicht auch dreimal hin und zurück. "Schon lange nicht mehr so schnell wie in meiner aktiven Zeit", sagt der einstige Wasserballerspieler. Wahrscheinlich aber dennoch zügiger als andere. Es ist die dritte Bahn, die der Wassersportler krault, er holt noch einmal tief Luft. "Ich habe aus der Bucht auf die Talsperre geblickt. Vor mir war nichts." Dann schlägt ihm erst etwas an die Hand. Sußmann hält es für den Bruchteil von Sekunden für einen Baumstamm, der im Wasser treibt. "Doch dann war es, als ob mir jemand ein Rührgerät ins Gesicht hält." Das Rührgerät ist ein elektrischer Außenbordmotor, der an einem schlanken Boot von etwa drei Metern Länge hängt. Sußmann ist sofort nach der Kollision klar, was da passiert ist. Er ist im Heck eines Bootes gelandet. Der geübte Schwimmer ist außer sich, blutet, tobt. Er schwimmt selbst zurück ans Ufer. "Das eine Auge war ja sofort zu. Nachdem ich mir das Blut aus dem Gesicht wischte, habe ich aber wieder etwas gesehen. Da war ich fürs Erste erleichtert." Der 55-jährige Bootsfahrer folgt Sußmann, setzt einen Notruf ab und leistet dem Schwimmer Erste Hilfe. Frank Sußmann hat tiefe Schnittwunden an den Händen, Armen und im Gesicht. "Alles blutete, Augenbraue und Nase wurden im Krankenhaus geklebt", sagt er rückblickend. "Es war haarscharf, ich hätte ein Auge verlieren können. Oder Schlimmeres."

Doch wie konnte es zu einem solchen Unfall kommen? Auch für Frank Sußmann bleibt die Frage offen. Er habe beim Kraulen weder etwas gesehen, noch den leisen Elektromotor des Bootsführers gehört. Der habe dem Schwimmer wegen des Tretboots in der Bucht nicht ausweichen können, wie er Sußmann erklärt habe. Während der Wendung sei Sußmann ihm dann ins Heck geschwommen. Der Schwimmer kann das nicht verstehen: "Die Bucht ist groß genug. Und sollte wirklich Gefahr in Verzug sein, schaltet man doch als erstes den Motor ab!" Und was Frank Sußmann am meisten ärgert: "Viele hängen sich einen kleine Motor ans Boot und haben keine Ahnung, wie man ein Boot fährt und wie man in Gefahrensituationen reagieren muss. Es müsste eine Führerescheinpflicht für Sportboote geben."

Das dem nicht so ist, bestätigt Sebastian Diebel, Sprecher des Polizeipräsidiums Leipzig und die Wasserschutzpolizei. "Für Wasserfahrzeuge mit Muskelkraft, unter Segeln und bei Antriebsmaschinen mit nicht mehr als 11,03 KW besteht keine Führerscheinpflicht." Es gilt die allgemeine Sorgfaltspflicht. Die häufigsten Verstöße in schifffahrtlicher Hinsicht betreffen Kennzeichnungspflicht von Kleinfahrzeugen oder Verstöße gegen die Fischereibestimmungen.

Frank Sußmann will nun gegen den Bootsfahrer Anzeige erstatten. Dieser wollte sich gegenüber "Freie Presse" nicht äußern.

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