Purple Schulz: Keine feindliche Übernahme

Sein Thema heißt Sehnsucht. Der Kölner Sänger fand in Reichenbach auch einen beeindruckend textsicheren Publikumschor.

Reichenbach.

Bei Rüdiger Schulz, besser bekannt unter dem Namen Purple Schulz, zieht sich die Sehnsucht wie ein roter Faden durch sein Leben. Spätestens als er sein "Ich will raus" aus dem Titel "Sehnsucht" am Freitagabend durch den Kleinen Saal des Neuberinhauses schrie, hatte er auch den letzten Besucher seiner musikalischen Lesetour zur Autobiografie "Sehnsucht bleibt" in seinen Bann gezogen. Fast schon frenetischen Applaus gab es zuvor für den Titel "Kleine Seen", bei dem der Sologesang mit dem textsicheren Publikumschor verschmolz.

Die beiden Titel waren nicht die einzigen, die der Kölner in Reichenbach anstimmte. Er erinnerte an die Augsburger Puppenkiste - für ihn das, was Hurvínek und Spejbl für DDR-Kinder waren, oder stimmte das durch Heinz Rühmann bekannt gewordene "Wozu ist die Straße da? Zum Marschieren..." an.

Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch das Buch, das die Geschichten hinter der Musik erzählt. Wie sich Purple Schulz vom linken Revoluzzer, der nie Kinder in die Welt setzen wollte, zum Ehemann, dreifachen Vater und ganz aktuell vierfachen Großvater verwandelte. Dabei wurde deutlich, dass sich die Jugend in Deutschland West gar nicht so sehr von den Gleichaltrigen im Osten unterschied, denn auch in der DDR hörte man damals Soldatensender und Radio Luxemburg und freute sich über den Beat-Club, um die Idole endlich einmal zu sehen. Auch hier waren die besten Abenteuerspielplätze im Freien und Stinkbomben wurden auf die gleiche Art gebaut wie bei den Brüdern im Westen. Urmel aus dem Eis, Kater Mikesch und Jim Knopf waren auch DDR-Kindern nicht unbekannt, wie Zwischenrufe aus dem Publikum bewiesen. Die Unterschiede wurden dem Sänger und Songschreiber spätestens bei der Rockpoetentour 1989 bewusst, als er zu Konzerten an der Ostsee und in Berlin eingeladen war. Und trotzdem bedauert er etwas an der Wende: "Man hätte aus beiden Systemen das Beste herausholen sollen", sagte er und verwendete sogar den Begriff "feindliche Übernahme".

Die Erinnerung an die erste Sehnsucht verbindet Purple Schulz mit dem Tag, an dem ihn seine Mutter im Kindergarten vergessen hatte. Sehnsucht blieb in der Jugend, als er mit Freunden Irland besuchte. Sie beeinflusste seine Songs. Er erzählte von Eltern und Schwiegereltern und deren Tod, den er hautnah miterlebte und der ihm die Angst vor dem eigenen Tod ein wenig genommen habe. Und er sprach immer wieder von seiner Frau Eri, die er vor 30 Jahren kennengelernt hat und der er verdanke, dass er zu dem wurde, der er heute ist. Mit seinem Lied "Spiegeln" gab er den Zuhörern mit auf den Weg, nicht nach Schuldigen zu suchen und nach hinten zu sehen, sondern den eigenen Weg zu suchen, so wie auch er ihn gefunden hat. Statt einer musikalischen Zugabe lud er die teilweise von weither angereisten Gäste ein, doch zu einem seiner Konzerte zu kommen, wo die Musik im Mittelpunkt steht.

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