Rätsel um Bank-Erbauer gelöst: Es waren "die guten Geister"

Eine Netzschkauer Familie hat einst den Aussichtspunkt am Reinsdorfer Weg gebaut und in Schuss gehalten. Das jetzt von Spaziergängern und der Stadt gezeigte Interesse an dem oft von Vandalen gestörten Idyll finden die anonym bleibenden Initiatoren toll.

Netzschkau.

Es ist so ähnlich wie beim Streichholz. Alle Welt nutzt es, doch keiner weiß so richtig, wer es erfunden hat. Mit dem Aussichtspunkt am Reinsdorfer Weg in Netzschkau verhält es sich ebenso: Ungezählte Wanderer und Spaziergänger haben an der kleinen Sitzgarnitur Rast gemacht und im Schatten der großen Eiche den herrlichen Blick auf die Göltzschtalbrücke genossen. Die Idylle wird jedoch oft von herumliegendem Müll und Vandalen getrübt, die ihre Kräfte an der Bank auslassen. Zuletzt, wie jüngst berichtet, erneuerte der Bauhof zur Freude auch von Spaziergänger Jens Weiß die komplett zerstörten Bank-Planken - obwohl die Stadt dort gar nicht in der Pflicht ist. "Aber wer ist es dann? Wer hat das alles gebaut?", hatte der Reichenbacher gefragt, als er dem Bauhof öffentlich Dank aussprach.

Auch Bürgermeister Mike Purfürst hatte keine Antwort. Doch nun ist das Rätsel gelöst. Eine Mail an die Redaktion von einer Netzschkauer Familie, die anonym bleiben will, brachte Aufklärung und regt - ohne das eigene Beispiel zu bemühen - zum Nachmachen an. In der Folge ist die mit "Die guten Geister bleiben unerkannt" unterzeichnete Mail in wesentlichen Punkten wiedergegeben: "Die Idee zum Bau der Anlage entstand, als ich mit Familie und Freunden an der Stelle war. Dort war noch ein Betonteil einer alten Bank vorhanden. Wir setzten uns in den Schatten der Eiche. Da kam eine Gruppe Touristen mit einer Führerin, die ordentlich aufsprach. Was nicht alles getan wird und in Bewegung sei - es war zum Totlachen. Wir dachten, was für ein Bild sollen die Leute von uns haben? Am Aushängeschild des Vogtlandes?"

Und so wurde am Reinsdorfer Weg eine Idee Schritt für Schritt an einem Ort in die Tat umgesetzt, "an dem man im Schatten der Eiche den schönsten Blick auf die Brücke hat". Mit "privatem Baumaterial und Muskelkraft" ging's los. 2003 wurde die Bank errichtet, ein Jahr später war der "mit eigentlich unverwüstlichen Steinplatten eingedeckte Tisch" fertig. Am Tisch wurde ein Papierkorb angebracht. "Bei den ganzen Bauarbeiten erntete man von Spaziergängern Bemerkungen wie ,wird ja auch mal Zeit, dass da was gemacht wird.'" Etwa alle drei Wochen waren Bauherr, Frau und Kinder am Reinsdorfer Weg auf den Beinen, um den Rasen zu mähen und Müll einzusammeln - "der im eigenen Hausmüll entsorgt wurde". Später kam eine Schaukel in der Eiche dazu (aktuell hängt die zweite, die erste wurde geklaut). "Meine Kinder haben da immer mitgeholfen und so gleich eine Erziehung genossen, was den Umgang mit solchen Einrichtungen angeht."

2010 stellte die Familie einen an einem einbetonierten Rohr montierten Schaukasten auf, der Informationen zur Brücke und weiteren Sehenswürdigkeiten bot. "Die Sichtfläche wurde mit Plexiglas geschützt. Das hat aber auch nichts geholfen. Die Idioten haben auch den zerstört. Das Rohr dient jetzt als Halter für den Mülleimer." Der Familienvater: "Wenn ich zum Mähen und Müllentsorgen dort war, traf ich immer Besucher aus allen Teilen der Republik. Die freuten sich über die Sitzgruppe und den Tisch. Genial zum Fotografieren mit Zeitauslöser und auch zum Picknicken sehr gut. Das war Antrieb weiterzumachen."

In letzter Zeit hatte sich der Erbauer an seinem Idyll etwas rarer gemacht. "Ich hatte die Info, dass sich der Bauhof um Müll und Rasen kümmern will, so ganz neu ist das Thema also nicht." Als ihn im Frühjahr die Nachricht erreichte, die Bank sei komplett kaputt, "habe ich Baumaterial besorgt." "Allerdings kam ich nicht gleich dazu, weil ich die Woche über auf Montage bin." Als der Netzschkauer zur Tat schreiten wollte, war ihm der Bauhof zuvorgekommen. "Und das ist gut so! Es gibt doch noch Menschen, die was bewegen wollen und das ansprechen, was sie stört", schreibt der Mann der Tat mit Hinweis auf Jens Weiß, der mit einer Mail an den Bauhof die jüngste Reparatur ausgelöst hatte - nachdem eine Mail an den Tourismusverband Vogtland unbeantwortet geblieben war, sehr zum Ärger des Reichenbachers.

Auch der Netzschkauer hat seine Meinung zur Arbeit derjenigen, die sich unter professionellen Bedingungen die Vermarktung eines attraktiven Vogtlands auf die Fahne geschrieben haben. "Wenn man bedenkt, wie viele ältere Herren es gibt, die man nur einfach mal zu fragen brauchte. Und sofort geht's los. Da könnten schon mehrere Bänke im Gebiet stehen." Und auch für jene, die am Reinsdorfer Weg immer wieder ihre gute Erziehung vergessen, hat der Mann eine Botschaft. Eine, die einst in der längst zerstörten hölzernen Lehne der neugebauten Bank eingebrannt war: "Setz Dich hie, doch lasse stieh."

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