Rasante Collage gegen die Vereinsamung

Mit "Lass uns Wunder sein" ist der Greizer Theaterherbst eröffnet worden. Fake-News mit einer Mahnung: "Achtet auf euch."

Greiz.

Einen in doppeltem Sinne bewegenden Abend haben die Besucher des Auftaktspektakels des Greizer Theaterherbstes am Donnerstag erlebt.

Zum einen erwies sich "Lass uns Wunder sein" unter der Regie von Marie Rodewald als rasant inszenierte Theater-Collage gegen die Einsamkeit in dieser Welt. Zum anderen durfte sich das Publikum selbst bewegen; Es besetzte mitten im Stück die Vogtlandhalle, um sich zum Happyend draußen wiederzufinden und hinter einem Esel und einem Musikantenwagen zur Wiese vorm Unteren Schloss zu ziehen, wo Musik, Tanz und Getränke warteten.

Das alles war durchsetzt mit Musik von Ton Steine Scherben und Rio Reiser, die mit ihren Liedern der westdeutschen Protestbewegung der 1970er-Jahre die Parolen gaben. Von "Mach kaputt, was dich kaputt macht" über "Für immer und Dich" bis "Lass uns'n Wunder sein". "Alles Lüge" indes fehlte. Obgleich jenes Lied das Spektakel am treffendsten beschrieben hätte: Fake-News für einen guten Zweck.

Klischeebeladen ist die Szenerie: Auf den Stufen vor der Vogtlandhalle liegen Blumen und Plüschtiere. Ein roter Fleck auf dem Pflaster. Fernsehteams haben sich gegenüber postiert. Bruno, ein arbeitsloser Fleischer, hat sich vor 24 Stunden das Leben genommen. "War er einfach zu einsam? Warum hat er das gemacht?", fragen sich die Menschen, die hier zusammenfinden und sofort eine Bewegung aus dem Einzelschicksal stricken, die jedoch alsbald wieder kollabieren wird. Ein weißes Banner mit roter Schrift wird geschwenkt: "You matter" (Du bist wichtig). Ein Schriftzug, der auch auf T-Shirts auftaucht. Da braust die Polizei mit Blaulicht heran, stellt Absperrgitter auf. Doch der Schwarze Block greift die Beamten an, die panisch flüchten. Die Rädelsführer rufen zur Besetzung der Vogtlandhalle auf. Alles strömt hinein. Facebook und Twitter sind voll von der Aktion. "Wir kämpfen nur für die Menschlichkeit", beteuern die Besetzer dem TV-Sender Greiz24. "Wir haben uns ganz spontan getroffen. Es war nur nicht angemeldet." Derweil lernen die Besucher aus leider bei der Wiedergabe holpernden Filmclips etwas mehr über Bruno. Bruno im Garten, Bruno in der Spielhalle, Bruno auf dem Rummel - und plötzlich allein in einem leeren Haus. Bruno hatte Frau und Kind, einen unehelichen Sohn und eine Freundin. "Ich glaube, er hatte Angst vorm Altwerden. Denn das erfordert Mut", sagt ein alter Freund. Die Tangotänzerin mit rotem Schal, Brunos Frau, kotzt sich aus: "Zu warten war mein Leben. Warum betrügt er mich?" Für die Pleite seiner Fleischerei nach der Wende habe Bruno sich die Schuld gegeben. "Nach außen hin engagierte er sich viel, aber nicht für uns!", wirft sie ihm vor.

In Greiz24 lobt der Bürgermeister, gespielt vom echten Stadtchef, dass die Öffentlichkeit gegen die Vereinsamung einsteht. Doch Gewalt führe zu Gewalt. Deshalb habe er das SEK alarmiert. Die Polizei stürmt das Haus. Das Publikum drängt ins Freie. Dort kommt Eselin Lisa die Straße entlang, gefolgt von einer Blaskapelle auf dem Anhänger eines Traktors. Und dann geschieht das Wunder: Bruno steht auf der Treppe vor der Vogtlandhalle.

"Ich bin nicht tot", verkündet er, während sein Mikrofon in diesem Moment gerade streikt. "Ihr wurdet gelinkt. Alles war nur Show, um auf das wichtige Thema der Vereinsamung in der Gesellschaft aufmerksam zu machen", sagt er. Alle Mitwirkenden seien dafür Komplizen gewesen. Allen legt er ans Herz: "Achtet auf die Stille. Achtet auf die Leute, die Alten, die Jungen und die Chaoten. Und achtet auf euch. Denn jeder zählt. Jeder ist Wunder."

Zum Theaterherbst-Start gab es sicher schon dichtere und ergreifendere Spektakel. Trefflich aber spielte die Collage mit bekannten und neuen Bildern. Ein temporeiches Puzzle des Seins. Und mal ehrlich: Wann sind je so viele Greizer einem Esel nachgelaufen? Aber das ist allemal besser, als einem Rattenfänger zu folgen. www.theaterherbst.de

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