Richter schaltet Turbo ein: Mengenrabatt für Intensivtäter

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Wegen 23 Anklagepunkten stand ein Reichenbacher vor dem Amtsgericht. Trotzdem ging es schnell. Grund war ein unerwarteter Sinneswandel.

Reichenbach/Auerbach.

Steine schmeißen, Farbschmierereien, Fahrraddiebstähle, Einbruch ... - eine geschlagene Viertelstunde dauert es, bis der Staatsanwalt am gestrigen Mittwoch alle Anklagepunkte gegen den 32-jährigen Reichenbacher runtergerattert hatte. So lang war die Latte an Vorwürfen, dass das Auerbacher Amtsgericht drei Verhandlungstage angesetzt hatte.

Etwas mehr Zeit einzuplanen, schien schon deshalb weise, da Richter Stefan Schubert seine Erfahrungen mit dem Angeklagten gemacht hat. Im September hatte er den 32-Jährigen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, da dieser seine ehemalige Lebensgefährtin mehrfach beleidigt und geschlagen hatte. Bei dieser Verhandlung musste ihn der Richter mehrfach aus dem Saal werfen lassen, da er von der Anklagebank aus lautstark Zeugen beschimpfte.

Dieses Mal war alles anders. Höflich und entgegenkommend antwortete der 32-Jährige auf alle Fragen, gab fast alle Vorwürfe zu und scherzte sogar mit dem Staatsanwalt. "Sie haben mir Leid getan, wegen dem ganzen Vorlesen", sagte er an die Adresse des Anklägers.

Der Grund für diesen erstaunlichen Wandel war wohl ein unfreiwilliger Drogenentzug. "Ich nehme normalerweise jeden Tag was - Alkohol, Cannabis, Crystal und Ecstasy", sagte der Reichenbacher. Zurzeit sitzt er jedoch in Untersuchungshaft, da er verdächtigt wird, auch noch für eine Brandserie in Reichenbach verantwortlich zu sein. Hinter Gittern ist es offenbar schwieriger, an Drogen zu kommen. Auch Staatsanwalt und Verteidiger führten das völlig veränderte Wesen des Angeklagten darauf zurück.

Im Schweinsgalopp handelten Richter, Staatsanwalt, Anwalt und Angeklagter die 23 Anklagepunkte einvernehmlich ab. Diskussionen gab es bei dem ein oder anderen Fahrrad. Hat es der Angeklagte geklaut? Dann wäre es Diebstahl. Oder hat er es gekauft, obwohl er wusste, dass sein Geschäftspartner es geklaut hat? Dann wäre es Hehlerei. Auch einige der Schmierereien, die ihm zu Last gelegen wurden, bestritt er. Staatsanwalt und Richter glaubten ihm. Das meiste gab der Reichenbacher aber unumwunden zu.

Das Entgegenkommen zahlte sich aus. "Sie bekommen einen großzügigen Mengenrabatt", sagte der Staatsanwalt. "Wenn man alle Einzelstrafen zusammenrechnen würde, kämen da zig Jahre raus." Der Richter sah es ähnlich. Er schlug auf das Urteil vom September - wegen Gewalt an seiner Ex-Freundin sowie einiger anderer Straftaten hatte der Mann ein Jahr und fünf Monate bekommen - noch mal zehn Monate drauf. Das macht zusammen zwei Jahre und drei Monate. Sollte er in einem künftigen Verfahren wegen der Reichenbacher Brandserie schuldig gesprochen werden, wird es wohl noch mehr. Aber vielleicht hilft ihm der Aufenthalt hinter Schwedischen Gardinen ja dabei, sein Leben umzukrempeln. Der 32-Jährige wünscht sich dies offenbar selbst. Sein Schlusswort lautete gestern: "Ich hoffe, dass es in der Haft klick macht."

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 15
    2
    fotografik
    25.02.2021

    Mir kommen fast die Tränen beim Lesen dieses Beitrages. Da hat der Angeklagte wohl eine schlechte Kindheit gehabt!