Satiriker hält den Spiegel vor

Der preisgekrönte Kabarettist Christoph Sieber kam an im Neuberinhaus Reichenbach. Das etwas andere Programm förderte das Nachdenken.

Reichenbach.

Der Kabarettist Christoph Sieber hörte am Samstagabend nach seinem Auftritt im Reichenbacher Neuberinhaus solche Sätze oft: "Es war sehr schön." Er hatte dort mit dem Programm "Hoffnungslos optimistisch" überzeugt und war beim Publikum angekommen. Das haben nicht nur die Lachsalven bei den witzigen Texten und die Totenstille bewiesen, wenn es um ernste Themen ging. Nach der Vorstellung bildete sich eine lange Schlange am Tisch, an dem Autogramme zu bekommen oder CD oder DVD zu erwerben waren. Sieber spendet den Verkaufserlös der Aktion Life-Boat zur Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer. Er hatte am Ende seines Programms erklärt: "Es darf niemand im Mittelmeer ertrinken müssen." Auch dafür erhielt er viel Beifall. Ein Mann legte beispielsweise unauffällig 10 Euro auf den Geldstapel, ohne etwas zu erwerben.

Sieber ist nicht umsonst mehrfach preisgekrönt, zum Beispiel mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2015. Er spielt ein etwas anderes Programm und rückt nicht die üblichen Verdächtigen in den Mittelpunkt, die sonst gern mit Spott und Häme überzogen werden. Er hält der Gesellschaft und damit dem Publikum den Spiegel vor. Jeder erkennt sich irgendwo in den überzogen dargestellten Denk- oder Verhaltensweisen wieder. Und wenn nicht sich, dann wenigstens einen Bekannten.

Doch dabei beließ es Sieber nicht. Er forderte vom Publikum, sich selbst zu engagieren und nahm es in die Verantwortung. Auf einfache Art entlarvte er die Allmacht des Geldes und Konsums als Grundübel der Gegenwart und forderte zur Dankbarkeit auf, weil wir "in der weltweiten Nahrungskette, die wir Globalisierung nennen, weit oben stehen" - auf Kosten der Dritten Welt. 70 Jahre Frieden in Europa gebe es nur, weil Kriege anderswo ausgetragen werden. Sprüche wie "Es gibt die Unschuld des Nichtwissens nicht mehr" oder "Reich sind wir, weil andere arm sind" verkaufte er erfolgreich, nachdem er vorher gegen das Vergessen und dessen Schwester, das Gewöhnen, gerappt hatte. Sein Zitat aus Hölderlins Hyperion, 1798 geschrieben, ist aktuell wie nie: "Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen ..."

Sieber hatte sein Programm so zusammengestellt, dass die Stimmung von jetzt auf dann kippen konnte. Er wechselte von bitterbösem Politkabarett zu Comedy-Szenen, von der knallharten Demonstration gesellschaftlicher Schieflagen in Bildung, Gesundheitswesen oder Klimawandel, inklusive der Strippenzieher im Hintergrund, zu Schenkelklopfern über den Alltagsirrsinn. Den wenigen Kindern im Saal gefiel die Aufforderung, nicht auf ihre Eltern zu hören, sondern eigene Ideen zu entwickeln: "Aber heute haben ja die 70-Jährigen auch dumme Ideen", schränkte er gleich wieder ein.

Das Reichenbacher Publikum sei eine Steigerung zu Senftenberg und Torgau, wo er vorher auftrat. "Das Publikum bekommt hier immer gute Noten, bei Uwe Steimle oder den Oberkrainern", plauderte er am Verkaufsstand aus dem Gästebuch des Hauses. Dem Einwurf, dass es immer ein anderes Publikum sei, stimmte er schlagfertig zu: "Ja. Die Schnittmenge zwischen beiden ist wohl eher gering."

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