Sebastian Hendels EM-Debüt: Familie läuft auf der Tribüne mit

Von Reichenbach auf die ganz große Leichtathletikbühne: Der 22-jährige Mittelstreckenläufer vom LAV hat am Dienstag in Berlin den bisher bedeutendsten Wettkampf seiner Karriere bestritten. Seine Eltern, seine Frau und auch einige Fans waren ganz nah dran.

Sebastian Hendel (mit Sohn Jonathan auf dem Schoß) ließ es sich am Dienstagabend in Berlin nicht nehmen, sich bei seiner Familie und den Fans für die Unterstützung auf der Tribüne zu bedanken.
Das härteste 10.000-Meter-Rennen seines Lebens. Sebastian Hendel: "Aufgeben kam für mich aber nicht in Frage."

Für Sie berichtet: Monty Gräßler

Udo Hendel hält es am Dienstagabend schon fünf Minuten vor dem Start des 10.000-Meter-Laufes nicht mehr auf seinem regulären Tribünenplatz in Reihe 19: Der Vater von Sebastian Hendel, der auch sein Trainer ist, sucht sich im Berliner Olympiastadion einen freien Platz in der ersten Reihe, um ganz nah dran zu sein. "Den Tag über hat sich die Aufregung noch in Grenzen gehalten, weil ich das ja inzwischen von vielen anderen Wettkämpfen kenne. Aber mit dem Startschuss geht auch bei mir der Puls hoch. Da läufst du im Prinzip das Rennen mit", sagt Hendel senior.

Von daher ist es kein Wunder, dass sich unmittelbar vor dem Start zunächst Sebastians Frau Kristina mit Sohnemann Jonathan und im Laufe des Rennens auch seine Schwester Franziska zu Udo Hendel direkt neben der Laufbahn gesellen. "Kristina und meinen Vater habe ich trotz des Lärms im Stadion immer wieder herausgehört", wird der Reichenbacher EM-Starter später berichten. Seine Mutter Sylvia bibbert derweil mit Schwager Daniel und dem Rest des zwölfköpfigen Hendel-Fanklubs auf der Tribüne mit. Sie hat den ganzen Nachmittag vor Aufregung keinen Bissen Essbares runterbekommen.

Während sich daheim in Reichenbach Vereinskameraden des LAV im Stadion am Wasserturm getroffen haben, um Sebastians Lauf gemeinsam vor dem Bildschirm zu verfolgen, wird das Rennen bei gefühlten 35 Grad Celsius zur Hitzeschlacht. Das Tempo ist von Beginn an hoch, zu hoch für den EM-Debütanten. Die vogtländischen Anhänger unter den 35.000 Zuschauern im Olympiastadion geben trotzdem alles. Auch wenn Mutter Sylvia die Hände vors Gesicht schlägt, als Sebastian die Überrundung durch die Spitzengruppe droht, sind die "Basti"-Rufe in der letzten Runde nicht leiser als in der ersten. Die deutsche Medaillenhoffnung Richard Ringer ist da wie eine ganze Reihe anderer Läufer schon ausgestiegen.

Als der Reichenbacher letztlich in 29:53 Minuten auf Platz 24 des 36-köpfigen Feldes über die Ziellinie läuft, sind seine Fans ähnlich durchgeschwitzt wie er selbst. Jetzt braucht jeder für sich ein Stück Zeit, um sich zu sammeln. Enttäuschung kommt trotz eines erhofften Platzes um die Top 15 nicht auf. "Er hat sich durchgekämpft und ein ganz starkes erstes Jahr bei den Männern als Deutscher Meister über 5000 und 10.000 Meter hingelegt. Dass er heute hier dabei war, ist Wahnsinn", sagt Sylvia Hendel. Ihr Mann sieht das ganz ähnlich: "Es ist für Basti wichtig, schon in so jungen Jahren internationale Erfahrungen zu sammeln. Man hat gesehen, dass es ein ganz anderes Level als bei den Deutschen Meisterschaften ist."

Auch die ersten Handy-Nachrichten aus der Heimat hellen die zunächst etwas angespannte Stimmung schnell wieder auf. "Ganz Reichenbach ist stolz auf Basti. Wir drücken weiter die Daumen" - das geht auch den Eltern runter wie Öl. Die Hendels, die in Reichenbach eine Bäckerei mit fünf Angestellten führen, haben schon in den Tagen vor der EM enormen Rückhalt in der Stadt gespürt. "Immer mehr Kunden haben uns erzählt, dass sie schon lange die Zeitungsberichte über Basti verfolgen. Da wurde mehr über Sport als über den Einkauf gesprochen", verrät Sylvia Hendel.

Als sich kurz darauf ihr Sohn auf der Tribüne sehen lässt, fließt die eine oder andere Träne. Ein Küsschen für Jonathan, der tapfer durchgehalten hat, ein paar innige Umarmungen, ein erster kurzer Plausch und ein Foto für die "Freie Presse" - mehr ist so kurz nach dem Rennen nicht drin. Denn der Bundestrainer wartet. Auf dem Weg zurück wird Hendel von Autogrammjägern abgefangen. Wer hätte das bei seinem ersten Crosslauf einst in Hauptmannsgrün gedacht?

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