Sinnlichkeit trifft auf Charme: Foto-Schau im (k)alten Stadtpalast

Das Verbot im Neuberinhaus hat viel Aufmerksamkeit beschert. Die Ausstellung "Meine Lust mach ich mir selbst" öffnet nächsten Freitag am Solbrigplatz 1. In einem Haus, für das es eine große Idee gibt.

Reichenbach.

Ein großes Werbebanner in Schwarz-Weiß weist seit Freitag an der Fassade darauf hin: Im alten Stadtpalast Solbrigplatz 1 wird am 31. Januar, 19 Uhr die Ausstellung "Meine Lust mach ich mir selbst" mit Fotos der Greizer Fotografin Franziska Barth eröffnet.

Dass die Foto-Schau vorige Woche wegen zu viel nackter Haut vom Chef der Vogtland Kultur GmbH für das Reichenbacher Neuberinhaus verboten worden war, polarisiert. Auf Facebook äußerten viele ihr Unverständnis. Man sollte "weltoffener werden und Kunst anerkennen", man nähere sich "der verlogenen Prüderie Amerikas". Oder: "Auf der einen Seite Toleranz und Vielfalt predigen und auf der anderen Seite Aktfotografien anprangern. Genau mein Humor." In einem Post hatte sich aber auch eine Frau im Namen aller Mütter ausdrücklich für das Verbot bedankt. Und per Mail an die "Freie Presse" bot ein Mann an, er könne "gern mit Bildern und Adressen weiterhelfen", wenn der Bedarf an nackter Haut so stark sein sollte.

Hätte es eine bessere Werbung für die Ausstellung als das Verbot geben können? "Wahrscheinlich nicht. Wir haben viel Aufmerksamkeit bekommen", sagt Severin Zähringer, Vorsitzender des Fördervereins Kunsthalle Vogtland, der die Ausstellung veranstaltet. Er fügt hinzu: "Die Frage ist aber: Musste das wirklich sein?" Bei der Vorauswahl der Fotos habe man schon darauf geachtet, dass sie nicht als jugendgefährdend gelten können.

Seit 2016 zeigt die Kunsthalle Vogtland ihre Ausstellungen im Foyer des Neuberinhauses. Das soll so bleiben. Zähringer sei dazu mit dem Leiter des Hauses im Gespräch. Beide Seiten hätten Interesse, weiter zusammenzuarbeiten. "Wir wollen dort anspruchsvolle Kunst zeigen, keine bloße Dekoration und nicht nur Landschaften. Die Leute sollen sich mit den ausgestellten Werken beschäftigen und auch mal sagen: Das gefällt mir nicht", so Zähringer.

Unter dem Zeitdruck, die Foto-Schau wie geplant am 31. Januar zu eröffnen, mietete die Kunsthalle Räume im baufälligen Stadtpalast von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft an. "Wir haben drei Räume und den Flur in der 1. Etage zur Verfügung und genug Platz, um alle 60 Fotos zu zeigen. Sie wurden aus 300 Fotografien ausgesucht. Die Auswahl weiter zu reduzieren, würde weder der Idee noch dem Aufwand gerecht", sagt der Vereinschef.

Die Sinnlichkeit der Fotografien trifft sich nun mit dem morbiden Charme des 1877 im Stil der italienischen Neo-Renaissance errichteten, kunstvoll verzierten und denkmalgeschützten Hauses. Gleichwohl koste es sehr viel Kraft und Mühe, das Ganze hinzubekommen. "Denn das Haus birgt ein paar Tücken", weiß Zähringer. Bis auf die Ausstellungsräume bleiben alle anderen gesperrt. Besucher sollten das respektieren und nicht waghalsig herumturnen. Für Strom und Licht werde man sorgen. Aber: Die Ausstellungsräume sind nicht heizbar. "Das ist nicht, was die Fotografin möchte. Sie hätte lieber, dass die Besucher sinnlich sinnieren und nicht frieren. Aber es ist halt so", erklärt Zähringer. Den Gästen wird warme Kleidung und festes Schuhwerk empfohlen. Zu sehen sein soll die Schau nach der Vernissage am 2. Februar und an den folgenden Sonntagen, jeweils 13 bis 16 Uhr, sowie auf Anfrage.

Es ist übrigens die erste Kunstausstellung im Stadtpalast, nachdem 2018 eine große Idee laut wurde: Nach der Sanierung könnte hier ein Wolfgang-Mattheuer-Museum entstehen. Der Maler, Grafiker und Bildhauer (1927-2004), der aus Reichenbach stammte, gilt als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. 2027 ruft sein 100. Geburtstag.


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