So rüsten sich die Krankenhäuser

Nur noch ein Besucher pro Tag und Patient, Hausverbot für Menschen mit Erkältungssymptomen: Die Kliniken der Region bereiten sich auf Corona vor. Sie fahren dabei zweigleisig.

Während die vogtländischen Krankenhäuser mit Kontaktbeschränkungen versuchen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, bereiten sie sich auf einen möglichen Ansturm von Corona-Patienten vor.

Im Plauener Helios-Klinikum gibt es jetzt ein Gebäude, das nur für Corona-Infizierte genutzt werden darf. Dafür hat die Geschäftsführung das Haus 3 räumen lassen. Dort gibt es außerdem eine Meldestelle für Menschen, bei denen das Virus nachgewiesen wurde. Das soll die Versorgung der Kranken auf allen anderen Stationen sichern, teilte die Sprecherin des Klinikums mit. Patienten mit Corona-Verdacht sollen nicht in die Notaufnahme kommen. Für die Tests seien die niedergelassenen Kassenärzte zuständig. Die Verdachtsfälle müssen ihren Hausarzt, das Gesundheitsamt oder den Bereitschaftsdienst anrufen und bekommen dort die nächsten Schritte erklärt. Die Ambulanzen, die eigentlich im Haus 3 sitzen, sind in andere Teile des Krankenhauses gezogen. Das Klinikum versucht, Betten und Personal zu schonen. Nur dringende OPs und Therapien finden statt.

Das Kreiskrankenhaus Obergöltzsch in Rodewisch hält seit Dienstag eine Station für Corona-Fälle frei. Das teilte Verwaltungsdirektorin Beate Liebold mit. Zudem würden nur noch Operationen durchgeführt, die medizinisch dringlich wären. Alle anderen müssten verschoben werden. Außerdem sei ein sogenannter Triage-Bereich eingerichtet worden, wo täglich Beratungen, Untersuchungen und Testungen durchgeführt werden könnten. Eine telefonische Beratung werde bereits seit über einer Woche angeboten. Dafür sei extra eine Ärztin des Klinikums abgestellt worden.

Beim Paracelsus-Klinikum Reichenbach ist am Dienstag ein Corona-Ambulanz-Zentrum auf dem Parkplatz errichtet worden. In die beiden Zelte will man jene Patienten umleiten, bei denen es einen konkreten Verdacht gibt, dass sie sich mit dem Virus infiziert haben. "Der Grundgedanke ist, dass diese Personen gar nicht erst durch das Krankenhaus geschleust werden", sagte Klinikleiter Sven Hendel. Dadurch sollen sowohl Patienten als auch Mitarbeiter geschützt werden. Darüber hinaus habe man einen Notfallplan ausgearbeitet, falls Mitarbeiter selbst wegen einer Corona-Erkrankung in Quarantäne müssen. "Da geplante Eingriffe derzeit auf Grund von Absagen zurückgefahren werden, werden Ressourcen frei", so der Klinikchef. "Wir nutzen das, um interdisziplinäre Teams zu bilden. Kollegen werden auf den Einsatz in anderen Abteilungen hin geschult." Besucher dürfen das Krankenhaus bereits seit Ende vergangener Woche nicht mehr betreten. Dies dient in erster Linie dem Zweck, Ansteckungen zu verhindern. Doch könnte es auch helfen, Diebstähle zu verhindern. "Wir halten Hygieneartikel, die bisher frei zugänglich waren, jetzt unter Verschluss", so Hendel. "Dies ist eine Reaktion auf registrierten Verlust von Desinfektionsmitteln." An den Standorten Adorf und Schöneck von Paracelsus wurden jeweils eine Station frei geräumt, das Besuchsverbot umgesetzt, planbare OPs wurden verlegt, und die Zugänge geändert - Krankenhaus-Eingang sowie Zutritt zu den Medizinischen Versorgungszentren getrennt, so Klinikleiter Ralph Pleier. Bei allen Maßnahmen dürften die an Influenza Erkrankten nicht vergessen werden, betonte er.

DerInfektionsschutzkrisenstab hat am Dienstag im Landratsamt getagt. Ihm gehören neben Mitarbeitern der Behörde Vertreter der Akutkrankenhäuser im Vogtland an. Vize-Landrat Uwe Drechsel zufolge geht es unter anderem um den Aufbau einer Corona-Portalpraxis, in der begründete Verdachtsfälle gut isoliert getestet werden können. Chemnitz, Zwickau und Hof haben solche Kapazitäten für ihre Einwohner bereits geschaffen. Dort sind bisher mehr Personen als im Vogtland positiv getestet worden. Zugleich sollten Szenarien für den Fall beraten werden, dass sich im Vogtland Corona-Infektionen zunehmend ausbreiten. Über Bemühungen und Überlegungen mit Krankenhäusern hinaus sei der Kreis in der Lage, bei Bedarf Kapazitäten des Katastrophenschutzes zu aktivieren, hieß es.

Reha-Kliniken in Bad Elster: "Derzeit ändern sich die Gegebenheiten stündlich", so Dirten von Schmeling, als Sprecherin von Paracelsus für die Klinik Am Schillergarten zuständig. Die Mediclin-Brunnenbergklinik informiert im Internet: "Zum Schutz unserer Patienten und Mitarbeiter möchten wir Sie bitten, auf Besuche unserer Patienten zu verzichten." Die Dekimed informiert via Facebook. Dort gilt seit Freitag: "Ab sofort werden keine Begleitpersonen/Besucher aufgenommen. Für Patienten ist direkt nach Anreise eine zusätzliche Risiko-Befragung eingeführt." An der Vogtlandklinik läuft die Reha unter besonderen Schutzmaßnahmen weiter. Infektionsfälle gab es bis Dienstag nicht, so Verwaltungsleiter André Dietze. (manu/suki/nie/tb/us/hagr)

(www.freiepresse.de/corona)


Ein Tag unter Corona-Verdacht

Das Kind hustet und hat Fieber. Fast 40 Grad. Es ist sonst nie krank. Wird doch kein Corona sein?! fragen sich am Montagmorgen zu Hause besorgte Plauener Eltern und entschließen sich, die Ursache für die Erkrankung ihres Kindes abklären zu lassen. Sie beratschlagen sich. Die einzige Option scheint, erst einmal zu Hause zu bleiben, um andere nicht anzustecken. So bleibt nur das Telefon, um sich medizinischen Rat zu holen. Die Hotline des Landratsamtes ist erst ab 9 Uhr geschaltet. Nachdem es am Sonntag den ersten offiziell Erkrankten gab, sind die Leitungen aber vielleicht früher besetzt? Doch die Hoffnung ist vergebens:

7.30 Uhr heißt es vom Tonband: "Sie rufen außerhalb der Öffnungszeiten an." Es beginnt ein Marathon.

7.40 Uhr: Anruf im Krankenhaus. Keiner nimmt ab. Später ist dauernd besetzt.

8.02 Uhr: Anruf im Hygieneamt. Schilderung unseres Aufenthaltes in einer nachträglich zum Risikogebiet erklärten Region. Vermutlich ist das schon zu lange her. Verweis auf den Hausarzt.

8.04 Uhr: Anruf beim Hausarzt. Die Praxis ist bis Ende der Woche geschlossen.

8.06 Uhr: Vergebliche Anrufe beim benannten Vertretungsarzt.

8.14 Uhr: Eine Kinderärztin sagt am Telefon, der Test sei in ihrer Praxis nicht möglich. Wir sollen in freiwilliger Quarantäne bleiben - und im Krankenhaus anrufen.

8.20 Uhr: Ist der Bereitschaftsdienst die Rettung? Unter der Nummer 116 117 leitet eine Computerstimme zu einem Callcenter-Mitarbeiter aus Fleisch und Blut. Fast neun Minuten dauert es, bevor er den Tipp gibt: "Rufen Sie im Gesundheitsamt an!"

8.35 Uhr: Das Kind braucht Wadenwickel.

8.50 Uhr: Keine der drei Hotlines des Gesundheitsamtes ist geschaltet. Im Krankenhaus ist besetzt.

8.53 Uhr: Es klappt bei einem Vertretungsarzt. Die Sprechstundenhilfe ist freundlich, will aber abwimmeln. Dem Kind geht es schlecht und den Eltern zunehmend auch. Unsere Stimmen werden lauter. Der Arzt nimmt den Hörer in die Hand. Wir bestehen auf dem Test.

9.30 Uhr: Zwei Stunden nach dem ersten Anrufversuch können wir loslegen. Wie verabredet, fahren wir mit dem kranken Kind im Auto vor die Praxis. Der Arzt kommt, liest die Krankenkassen-Karte mit einem mobilen Gerät aus. Er ist mit Handschuhen und Maske geschützt und beruhigt die Tochter. Das Teststäbchen muss sie sich selbst in Rachen und Nase schieben. Die Prozedur wird einmal wiederholt.

10 Uhr: Wir sind wieder zu Hause. Das Kind geht schnurstracks ins Bett. In 48 Stunden sollen wir ein Ergebnis haben.

24 Stunden später: Mit dem Testergebnis geht es schneller als angekündigt. Der Arzt ruft an und überbringt eine gute und eine weniger gute Nachricht: Eine Ansteckung mit dem Coronavirus kann beim Kind ausgeschlossen werden. Allerdings wurde Influenza A, eine Virusgrippe, nachgewiesen. Auch diese Krankheit ist ansteckend. (sasch)


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