Stolpersteintour gegen das Vergessen

In Reichenbach ist am Freitag der Reichspogromnacht vor 80 Jahren gedacht worden. Der Rassenwahn der Nazis schlug damals in offene und organisierte Gewalt gegen Juden um.

Reichenbach.

Gut 60 Menschen aller Altersgruppen, darunter viele Neuntklässler der Weinhold-Oberschule, haben gestern Nachmittag an der Stolpersteintour teilgenommen. Die Stadt hatte dazu eingeladen, um der Reichspogromnacht vor 80 Jahren zu gedenken.

Pfarrerin Ulrike Penz begrüßte die Teilnehmer vorm Rathaus in Vertretung von Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU), der noch im Stau auf der Autobahn stand. Sie lud ein zur Erinnerung an eine der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, den "Beginn eines Zivilisationsbruches". 28 jüdische Bürger hatten 1933 in Reichenbach gelebt: Händler, Vertreter, Unternehmer. An jenem 9. November 1938 wurden alle Juden in die Polizeiwache im Rathaus gebracht und unter schikanösen und entwürdigenden Bedingungen "befragt". Unterdessen zerschlugen Schlägertrupps die Schaufenster und Schaukästen.

Heute erinnern in Reichenbach neun vom Kölner Künstler Gunter Demnig in die Gehwege eingelassene Stolpersteine an ermordete und vertriebene Juden. Ihrer Spur folgten gestern die Teilnehmer. An jedem Stolperstein wurden Daten zur Person verlesen, ein Grablicht entzündet und Blumen niedergelegt.

Lisa-Marie Fiebig aus der Klasse 9b der Weinhold-Oberschule, trug am Haus Markt 20 vor, was sie in einem Geschichtsprojekt über das Leben von Johannes Jacob Frank herausgefunden hat. Er hatte hier 1919 ein Geschäft für Weiß- und Wollwaren übernommen und sich amtlich beurkundet vom jüdischen Glauben gelöst. Zur Reichspogromnacht wurde er verhaftet und kurz danach ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Am 31. Mai 1939 enteigneten die Nazis sein Geschäft. Es wurde "arisiert", das heißt von Deutschen übernommen. Frank wurde schließlich am 11. Februar 1943 im KZ Auschwitz ermordet.

Im Rahmen der Tour wurde gestern auch der Stolperstein für Elisabeth Beutler in der Weinholdstraße 24 ausgetauscht. Die Daten auf dem bisherigen Stein waren aufgrund der Vermischung zweier Biografien fehlerhaft. Die Journalistin Petra Steps hatte recherchiert und die Verwechslung 2017 aufgeklärt. Elisabeth Beutler wurde nicht 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ihr gelang 1936 die Flucht in die USA.

"Wir bekunden unsere Trauer und unsere Scham. Und wir wollen alles tun, dass nie wieder solche Schrecken passieren", erklärte der zwischenzeitlich hinzugestoßene OB Kürzinger. Frieden und Freiheit seien nicht selbstverständlich. Zu schnell grenzten sich Menschen aufgrund von Aussehen, Rasse, Geschlecht oder Nationalität voneinander ab. Vorurteile könnten in Verfolgung umschlagen, sagte er und legte den Jugendlichen ans Herz: "Lasst euch nicht verleiten von scheinbar einfachen Antworten. Ich wünsche mir, dass ihr aktiv für Demokratie und Freiheit eintretet."

Gut die Hälfte der Tour-Teilnehmer fand sich danach zu einer ökumenischen Andacht in der Trinitatiskirche ein. "Die Schrecken der Vergangenheit können zu Schrecken der Zukunft werden", warnte Pfarrer Andreas Alders eindringlich. Angesichts von sechs Millionen ermordeter Juden in der Nazizeit beklagte er den schleichenden Gedächtnisschwund. "Der Nationalismus ist zurück, der sich besser dünkt als andere Völker und sich permanent benachteiligt fühlt", sagte er und forderte eine lebendige Erinnerung. Angesichts des wieder aufflammenden Antisemitismus gelte es für alle Christen, Achtung vor den anderen zu zeigen.


Kommentar: Mut zumErinnern

Erinnern tut not, zumal an jenem Tag, an dem vor 80 Jahren Geschäfte und Synagogen brannten sowie tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Die Reichspogromnacht mündete in Völkermord.

Dazu, dass die Opfer des Faschismus nicht vergessen sind, trägt der Kölner Künstler Gunter Demnig mit seinen Stolpersteinen bei. Auch in Reichenbach im Vogtland. Neun Stolpersteine für ermordete oder vertriebene Juden zeigen: Das Grauen war nicht irgendwo, sondern hier! Sie zwingen zur Auseinandersetzung mit Geschichte. Umso mehr in einer Zeit, in der die extremen politischen Ränder wieder schäumen.

Demnig bezieht in sein "Kunstprojekt für Europa" ausdrücklich Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, die Zeugen Jehovas und die Euthanasieopfer der NS-Zeit ein. Anderswo gibt es auch für sie Stolpersteine. Reichenbach tut sich damit indes bislang schwer. Als seinerzeit im Stadtrat diskutiert wurde, habe man keine Stolpersteine für Kommunisten haben wollen, heißt es. Über Reichenbacher Euthanasieopfer ist wenig bekannt. Aber es gab sie, zum Beispiel Wolfgang Häußler. Und war Homosexualität nicht lange nach dem Krieg in Deutschland noch strafbar?

Wo führt es hin, einen Teil der Opfer der Nazi-Diktatur auszublenden? Verstellt das nicht den Blick auf die Vergangenheit ebenso wie auf das Heute? Eine Demokratie, die die Würde des Menschen hochhält, muss für diesen Diskurs offen sein. Für das Erinnern braucht es Mut. Gerade heute.

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