Tafeltext vor Rathaus: Neuer Vorstoß bezieht Kirchen mit ein

Der Reichenbacher Rolf Schneider will, dass der Stadtrat die jüngst beendete Diskussion um eine Nennung des Nazi-OB Schreiber wieder aufnimmt. Derweil verfolgen Linke/SPD andere Ziele.

Reichenbach.

Halbe Sachen sind seine Sache nicht. Daran lässt Rolf Schneider im Hinblick auf die Anfang des Jahres abrupt im nichtöffentlichen Teil einer Stadtratssitzung beendete Diskussion um eine Namensnennung des Nazi-OB Otto Schreiber auf der Gedenktafel vor dem Rathaus keinen Zweifel.

Auf der Tafel, mit der an die kampflose Übergabe Reichenbachs 1945 durch eben jenen OB an die Amerikaner erinnert wird, ist noch immer von der "Zivilcourage mutiger Reichenbacher" die Rede. "Da gehört aber der Name Schreibers drauf. Wie man eine solche Diskussion wegwischen kann, das ist feige. Das muss ausdiskutiert werden", fordert der 91-Jährige, der Schreiber im Sowjet-Speziallager Mühlberg noch kurz vor dessen Tod sprechen konnte. Der Mann und dessen Tat lassen dem Reichenbacher Zeitzeugen seither keine Ruhe.

Nach der aufgeheizten Diskussion um die Folgen seines ersten, an OB Raphael Kürzinger (CDU) übermittelten Tafel-Vorstoßes - das Für und Wider um die öffentliche Nennung eines Nazis hatte sogar zu einer Mahnwache vor dem Rathaus geführt - ist Rolf Schneider nicht untätig geblieben. In dieser Woche regt er in einem "Offenen Brief an den Stadtrat" an, sich erneut mit der Thematik auseinanderzusetzen. Darin drückt Rolf Schneider sein Unverständnis darüber aus, "dass man sich an die Tat des ehemaligen OB Otto Schreiber und seiner Helfer nicht mehr erinnern möchte, da Otto Schreiber NSDAP-Mitglied war". Im Hinblick auf ein Argument der Tafel-Gegner - wenn eine Namensnennung überhaupt infrage komme, dann nur mit dem Hinweis auf die Parteizugehörigkeit Schreibers - betont Schneider: "Ich bin dafür, dass das so benannt wird." Ihm gehe es allein um Schreibers Tat. "Und die ist mit seinem Namen verbunden."

Mit diesem erneuten Vorstoß hat sich Rolf Schneider nun auch an Vertreter Reichenbacher Kirchen gewandt. Ergebnis: Im nächsten ökumenischen Kreis, in dem bis auf eine Ausnahme alle Gemeinden der Stadt wichtige Themen besprechen, soll der Sachverhalt diskutiert werden. Andreas Alders von der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde: "Ich verstehe das Anliegen, darüber wollen wir uns jedoch erst austauschen", sagt der Pfarrer, der für die Grünen im Stadtrat sitzt. Grundsätzlich könne er aber mit Nennung von Name und Parteizugehörigkeit auf der Tafel "gut leben." Auch Pastor Mitja Fritsch von der Evangelisch-methodistischen Kirche ist für das Anliegen offen. "Schreiber war in der falschen Partei, er hat aber auch Dinge richtig gemacht", sagt Fritsch und betont: "Dies ist meine persönliche Meinung." Ob und wie sich die ökumenische Runde positioniert - das Gremium tagt in der zweiten Oktoberwoche - bleibt abzuwarten.

Abzuwarten bleibt auch, wie sich dann die erklärten Gegner einer Namensnennung positionieren. Thomas Höllrich von der Stadtratsfraktion Linke/SPD: "Kein Kommentar", sagt Höllrich, der damit einen Vorstoß der Fraktion in der selben Sache konterkariert sehen muss. Wollen Linke/SPD doch das Verdienst des Schlossers Max Helbig besonders herausstreichen, der am Tag der Übergabe der Stadt durch das Hissen eines weißen Bettlakens über dem Wasserturm angesichts der dort vorbeifahrenden SS - noch vor der Übergabe durch Schreiber - mindestens eben so viel Courage gezeigt habe wie der Nazi-OB. Deshalb solle der Park am Wasserturm Helbigs Namen tragen. "Da bleiben wir dran, das muss in die Gremien."

Möglich ist also eine Beschäftigung des Stadtrats mit beiden Taten. Zur Diskussion des ersten Vorstoßes war es nicht gekommen, weil der OB eine bereits dazu existierende Vorlage erst gar nicht zur Befassung gebracht hatte - da angesichts "einer unerträglichen Polemik und Radikalisierung der Sprache" vor allem in den sozialen Medien eine "unbefangene Diskussion" nicht möglich gewesen sei. "Der beste Weg ist, das jetzt erst mal ruhen zu lassen", hatte der OB gesagt. Für Rolf Schneider hat das jetzt lange genug gedauert. "Ich will eine Entscheidung im Stadtrat, so oder so. Da muss jeder Farbe bekennen." Es gehöre sich, dass gewählte Stadträte nicht vor einer unbequemen Diskussion davonliefen.

22 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    Friesner
    23.09.2020

    @Dickkopf 100:

    Er hätte auch bis „zur letzten Patrone“ kämpfen können und bis zum Schluß linientreu. Ich mein ja nur...

    Er hat im richtigen Moment Mut bewiesen. Mut deshalb, weil die SS noch in der Nähe war. Auch deshalb weil er, im Gegensatz zum Netzschkauer Bürgermeister, geblieben ist. Das wurde ihm zum Verhängnis.
    Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, ich würde die Tafel so lassen wie sie ist. Wer mehr wissen will, der googelt.
    Übrigens findet man dort nichts zu Schreibers Vergangenheit... ????

  • 3
    6
    Dickkopf100
    23.09.2020

    Unverständlich... Ein gestandener und politisch aktiver Nazi hat einmal am Ende des Krieges Vernunft gezeigt. Und dafür soll es gleich eine Ehrung geben? Es gibt oder gab sicherlich viele Hundert Menschen in Reichenbach, die das viel mehr verdient hätten, da bin ich mir sicher... Aber vielleicht bin ich mit dieser Meinung allein.