Textilindustrie: Warum Recycling im Vogtland das Sorgenkind ist

Bei C.H. Müller in Heinsdorfergrund sprach die Branche am gestrigen Montag über Nachhaltigkeit. Der Begriff ist in aller Munde. Aber sind die Erwartungen realistisch?

Heinsdorfergrund.

Für eine Fabrik geht es leise zu. Dafür riecht es in der Werkhalle der C.H. Müller GmbH leicht angekokelt. "Das liegt am Laser, mit dem die Türverkleidung für einen Mercedes zugeschnitten wird", erklärt Produktionsleiterin Annett Brückner. Wo es auf einen exakten Schnitt ankommt, sorgt der gebündelte Lichtstrahl für eine klare Kante.

Eine Türverkleidung ist nichts zum Anziehen. Trotzdem war C.H. Müller am gestrigen Montag Gastgeber für den 10. Branchentag Textil und Bekleidung Erzgebirge-Vogtland. Textil - dazu gehört hochwertige Damast-Bettwäsche mittlerweile ebenso wie stichfeste Westen für Sicherheitsunternehmen und Innenraumverkleidung für Autos. Und wie unter einem Brennglas kann man in dem Unternehmen aus Heinsdorfergrund die Probleme der Branche insgesamt ablesen. Beispielsweise die gesamtgesellschaftliche Diskussion um die E-Autos. "Eigentlich spielt es keine Rolle, ob wir unsere Innenraumverkleidung in E-Autos, Benziner oder Dieselfahrzeuge einbauen", sagt Produktionsleiterin Brückner. "Aber die Leute sind verunsichert und warten beim Autokauf zurzeit generell lieber erst mal ab. Und das betrifft uns natürlich durchaus."

Ein weiteres Problem für das Unternehmen liegt nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt: Nachdem es im Juni zum wiederholten Mal bei der kreiseigenen Entsorgungsfirma Glitzner gebrannt hatte, wurde C.H. Müller für einige Zeit seinen Verschnitt nicht mehr los. "Das war für uns wirklich eine Katastrophe", erinnert sich Seniorchef Thomas Porst. "Wir wussten nicht mehr, wohin damit."

Kann man die Reste aus der Produktion stattdessen nicht einfach wiederverwenden? Auch bei dieser Frage steht C.H. Müller stellvertretend für die gesamte Branche. "Recycling lebt vom Mangel", sagt dazu Bernd Gulich vom sächsischen Textilforschungsinstitut mit Sitz in Chemnitz. "Entweder ein Mangel an Rohstoffen oder ein Mangel an Geld." Beides sei bereits jetzt absehbar. Deshalb war einer der Schwerpunkte beim Branchentag das Thema Recycling.

Aber es ist eine Sache, alte Baumwoll-T-Shirts in den Reißwolf zu werfen und daraus Putzlappen herzustellen. Textilien, die aus mehreren Materialien zusammengefügt wurden, sind ein ganz anderes Kaliber. Das gilt einerseits für die Branche insgesamt. Weil die deutsche Textilindustrie ihre Zukunft eben nicht in Baumwoll-T-Shirts sieht. Sondern in Hochleistungskleidung, die teilweise sogar elektrisch leitfähige Fäden enthält. Aber das gilt andererseits eben auch für C.H. Müller aus Heinsdorfergrund. "Unsere Spezialität ist es ja gerade, zwei, drei Materialien so miteinander zu verbinden, dass sie eben nicht mehr getrennt werden können", sagt Seniorchef Thomas Porst.

Also doch verbrennen? Und ist Verbrennen nicht eigentlich auch Recycling, weil man dadurch kein neues Öl verfeuern muss? Diese These wurde in Heinsdorfergrund zumindest in den Raum geworfen. Aber wirklich unterschreiben wollte das keiner.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...