Touristik: Zahlen mit Gera frisiert

Rekord um Rekord verkündet der Tourismusverband. Eine Schlüsselrolle bei den hohen Zahlen spielt die Otto-Dix-Stadt. Was dahinter steckt.

Reichenbach//Greiz/Gera.

Pleite, aber sehenswert. Das ist Gera. Die Geburtsstadt des Künstlers Otto Dix hat viel zu bieten. Entsprechend viele Touristen kommen. Gäste, die das Vogtland besuchen - zumindest laut Statistik. Denn obwohl Gera nicht zum Verband gehört, nicht beworben wird und im Moment kein Geld für die Mitgliedschaft hat, schlagen Touristiker die Übernachtungen in der Stadt dem Vogtland zu. Mit der Marke von mehr als 1,7 Millionen Übernachtungen im Jahr 2017 kann der Tourismusverband mit Sitz in Auerbach dadurch werben.

Es geht um Geld. Der Freistaat will in den kommenden Jahren höhere Summen in den Tourismus stecken. Nächstes Jahr sind laut Entwurf des Haushalts 4,4 Millionen Euro vorgesehen, für das Jahr darauf ebenso. Das wären fast zwei Millionen Euro mehr, als 2017 verteilt wurden. Ein entscheidendes Kriterium ist, dass eine Region mindestens 1,5 Millionen Übernachtungen pro Jahr vorweisen muss. Das geht aus einem Strategie-Papier des Wirtschaftsministeriums hervor. Voriges Jahr hätten für das Vogtland 82.000 Übernachtungen gefehlt - ohne die Betten in Thüringen.

Die Fusion mit den Nachbarn hinter der Landesgrenze wird als Erfolgsgeschichte verkauft. Geschäftsführer Andreas Kraus verweist auf die aktuelle Rekordmarke und eine Steigerung der Bekanntheit der Region. In der Pressemitteilung zur jährlichen Mitgliederversammlung werden Zuwächse für den Landkreis Greiz und das sächsische Vogtland angeführt. "Das zeigt eindrucksvoll, dass unsere Verbandsarbeit Früchte trägt", so die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg (CDU). Sie ist seit Juli Vize-Vorsitzende hinter Landrat Rolf Keil (CDU). Zuvor war sie die Chefin. Beide äußern sich auf Anfrage nicht zur Rolle Geras bei der Ausrichtung des Tourismusverbandes.

Unter der Rubrik "Orte im Vogtland" führt die Internetseite des Verbandes unter G nur Greiz und Grünbach an. Die kreisfreie Stadt Gera besuchten voriges Jahr knapp 105.000 Übernachtungsgäste - 38.000 mehr als im gesamten Landkreis Greiz abstiegen.

Mitglieder des Tourismusverbandes bestätigen hinter vorgehaltener Hand, dass nicht laut gesagt werden soll, dass hinter den hohen Gästezahlen für die Region Vogtland auch die Otto-Dix-´Stadt steckt. Auf Nachfrage räumte Geschäftsführer Andreas Kraus in einem Gespräch mit der "Freien Presse" bereits ein, dass Gera seit 2015 Teil der Summe ist. Die Stadt werde aber nicht offensiv beworben. Weil sie kein Verbandsmitglied ist - und nicht zahlt.

Die jüngste jährliche Mitgliederversammlung fand dennoch in Gera statt. In informierten Kreisen wurde in der Folge gemunkelt, dass ein Verfahren zur Aufnahme Geras bereits laufe. Die Stadt hatte 2007 die Mitgliedschaft im Tourismusverband auf Thüringer Seite gekündigt. Doch seit Juli ist mit Julian Vonarb (parteilos) ein neuer Oberbürgermeister im Amt. Auf Nachfrage bestätigt Geschäftsführer Kraus, dass es Gespräche gab. Mehr aber nicht. "Bis dato liegt uns kein Aufnahmeantrag vor", so Kraus.

Der Beitrag im Tourismusverband richtet sich nach der Einwohnerzahl und der Zahl der Übernachtungen. Die Höchstgrenze liegt bei 25.000 Euro. Das ist für die klamme Kommune zu viel, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage der "Freien Presse" erklärt. "Eine neue Mitgliedschaft ist unterstützenswert, war bisher aber nicht möglich", sagt Pressesprecher Uwe Müller. Grund ist die Finanzlage. Die Rechtsaufsicht verlangt von der als Pleitestadt Thüringens bekannt gewordenen Kommune regelmäßig das Streichen von freiwilligen Leistungen. Die Mitgliedschaft wäre so ein Posten. Gera verweist auf die Finanzspritze über die Sparkasse Gera-Greiz in Höhe von 20.000 Euro zum Treffen des Verbandes in der Stadt. Das Kreditinstitut ist jetzt "Partner" der Touristiker. Es wurde ein Vertrag unterschrieben.

Für die gezielte Vermarktung der Otto-Dix-Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten arbeitet aber seit drei Jahren eine eigene Kultur GmbH, die aus der Gesellschaft für die Bundesgartenschau hervorging. Der vogtländische Tourismusverband mit Sitz in Auerbach ist weit weg - und profitiert trotzdem.


Zahlen und Fakten: Der kleine Bruder Thüringer Vogtland schwächelt

Ein jährliches Minus verbucht das Thüringer Vogtland (Landkreis Greiz und Gera) seit der Fusion der Tourismusverbände 2015 bei der Zahl der Übernachtungen. Damals waren es knapp 352.000. Voriges Jahr mehr als 10.000 weniger.

Der Landkreis Greiz lässt Federn. Zwar konnte Greiz 2017 bei den Gästezahlen im Vergleich zum Vorjahr zulegen, wie es der Tourismusverband kommuniziert. Doch 2016 war in einem Zeitraum von 15 Jahren mit rund 55.200 Gästen auch das schlechteste Jahr für die Nachbarn. Zum Vergleich: 2002 übernachteten dort 70.000 Gäste.

2900 Touristen mehr als im gesamten Landkreis Greiz stiegen 2017 in den Hotels und Beherbergungsbetrieben in Plauen und Umgebung ab - die Gemeinde Pöhl und die dortigen Campingplätze sind nicht mitgerechnet.

Von acht Landstrichen in Thüringen erreichten nur das Saaleland und das Thüringer Vogtland dieses Jahr von Januar bis Mai ein negatives Ergebnis. Gewinner bei den Übernachtungen auf Thüringer Seite sind dieses Jahr bislang Weida (25 Prozent Plus), Zeulenroda-Triebes und Mohlsdorf-Teichwolframsdorf. Die Stadt Greiz verlor von Januar bis Mai erneut ein Viertel der Übernachtungen. (nij)

Quelle: Statistische Landesämter, Betriebe ab zehn Betten, inklusive Camping.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    aussaugerges
    23.08.2018

    Ist wohl eine Lüge der öffentl.Beschäftigten oder wie oder was.



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