Trotz Glyphosat-Ausstiegs: RAD darf Gift noch bis 2021 einsetzen

Die Stadt Reichenbach beschreitet bei der Unkrautbekämpfung neue Wege. Das Konzept dafür ist jetzt vorgestellt worden. Manchem Stadtrat geht es aber nicht schnell genug.

Reichenbach.

Einstimmig hat der Reichenbacher Stadtrat im Oktober 2018 beschlossen, schrittweise auf den Einsatz glyphosathaltiger Unkrautbekämpfungsmittel auf städtischen Flächen zu verzichten. Jetzt, ein halbes Jahr später, liegt das Umsetzungskonzept samt Zeitschiene vor. Am Montag hat sich der Technische Ausschuss des Stadtrates mit dem Ausstiegsszenario befasst.

Bislang brachten die Stadtverwaltung und Mitarbeiter des Dienstleisters RAD bei der Pflege kommunaler Grünanlagen und Freiflächen pro Jahr rund 320 Liter des glyphosathaltigen Mittels Roundup Power-Flex zum Einsatz. Das umstrittene Totalherbizid Glyphosat steht im Verdacht, in die Hormonbildung einzugreifen und laut Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation "wahrscheinlich krebserregend" zu sein.

Torsten Kleditzsch

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Was erstens Bedienstete der Stadt betrifft, erfolgt laut Konzept "ein Ausstieg schnell und unkompliziert". Mitarbeiter des Bauhofs und die Saisonkräfte im Park der Generationen seien bereits am 8. Oktober angewiesen worden, lediglich noch angebrochene Roundup-Gebinde aufzubrauchen. Noch verschlossene Gebinde sollten zurückgegeben werden. Gleiches gelte für die Unkrautbekämpfung durch die städtischen Hausmeister und Friedhofsangestellten. Mittlerweile sei man komplett auf das Unkrautbekämpfungsmittel Finalsan umgestiegen. "Das Mittel ist teurer, und es werden einige Pflegegänge häufiger erfolgen müssen", heißt es. Möglich, dass dann andere Arbeiten liegen bleiben oder der Mehrbedarf bei der Unkrautbekämpfung nur bedingt gedeckt werden kann. Denn mehr Personal wird es nicht geben.

Was zweitens den Einsatz privater Dienstleister zur Pflege kommunaler Flächen angeht, wird ab 1. Januar 2019 bei der Vergabe neuer Pflegeaufträge vertraglich vorgegeben, dass bei Unkrautbekämpfungsmaßnahmen keine glyphosathaltigen Mittel eingesetzt werden dürfen. Für vorher erteilte Aufträge gilt dieses Verbot nicht.

Eine Sonderrolle nimmt die RAD ein. Nach Rücksprache mit Geschäftsführer Heiko Knobloch werde es "bis zum Ablauf des Rahmenvertrages im Jahr 2021 nicht möglich sein, auf glyphosathaltige Unkrautbekämpfungsmittel zu verzichten", heißt es im Konzept. Denn die Pflegearbeiten - vor allem bei Wegepflege, Strauchpflege und Dauerbepflanzung - waren auf Glyphosat-Basis kalkuliert. Erst mit der Neuausschreibung ab 2022 könne das Verbot eingearbeitet werden. Knobloch selbst wolle nach Alternativen hinsichtlich Effektivität und Kosten suchen.

Drittens wird künftig in Pachtverträge, insbesondere Landpachtverträge für kommunale Flächen, aufgenommen, dass auf den Flächen kein Glyphosat eingesetzt werden darf. Das betreffe sowohl Neuverpachtungen als auch die Verlängerung auslaufender Pachtverträge. Bislang kann jeder Pächter tun, was er selbst für erforderlich hält.

Henry Ruß (Linke), der 2018 zu den Einreichern des Antrages zum Glyphosat-Ausstieg gehört hatte, meinte jetzt: "Das ist ein guter Anfang. Der Ausstieg ist programmiert." Er wünschte sich aber in einem Jahr einen Statusbericht. Ein "Menschheitsproblem" sah indes Peter Tillack (Bitex), der sich mit den biologisch-medizinischen Auswirkungen von Glyphosat befasst hatte. "Es ist schon 5 nach 12. Wir müssten eigentlich sofort alles einstellen, was mit Glyphosat zu tun hat", sagte er und fragte, ob man den Rahmenvertrag mit der RAD nicht ändern könne. Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU) sagte, man sei mit der RAD im Gespräch, um zu sehen, was geht. Getestet worden sei schon eine Heißwasser-Unkrautbekämpfung.

Stephan Hösl (CDU), Uwe Kukutsch (SPD) und Henry Ruß (Linke) unterstützten Tillack. Ruß bat darum, binnen zwei bis drei Monaten eine Kostenaufstellung vorzulegen, was es mehr kosten würde, schon jetzt im RAD-Vertrag von Glyphosat wegzugehen. Der OB sagte zu, das prüfen zu lassen. Hösl regte an, Grünstreifen künftig anders zu planen, beispielsweise mit Matten.

Wolfgang Viebahn (Bitex) sprach sich angesichts des Insektensterbens dafür aus, bestimmte Grünflächen in der Stadt künftig nur zweimal so zu schneiden, wie es früher üblich war: für Heu und Grummet. Laut OB werde das zum Teil bei Wiesenflächen schon praktiziert.

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